{"id":1484,"date":"2015-03-15T08:36:21","date_gmt":"2015-03-15T07:36:21","guid":{"rendered":"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/?p=1484"},"modified":"2015-03-15T08:37:25","modified_gmt":"2015-03-15T07:37:25","slug":"koan-im-krimi-robert-van-guliks-der-geschenkte-tag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2015\/03\/15\/koan-im-krimi-robert-van-guliks-der-geschenkte-tag\/","title":{"rendered":"Koan im Krimi: Robert van Guliks \u201eDer geschenkte Tag\u201c"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1489\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/cover_der_geschenkte_tag.jpg\" alt=\"cover_der_geschenkte_tag\" width=\"135\" height=\"225\" \/>Robert van Gulik, geboren am 9. August 1910 in Zutphen, Holland, gestorben am 24. September 1967 in Den Haag, war ein Mann mit vielen Talenten: Er arbeitete als Diplomat in Japan, \u00c4gypten, China, den USA sowie Malaysia und sprach unter anderem Chinesisch, Englisch, Franz\u00f6sisch, Japanisch und Russisch. Au\u00dferdem ver\u00f6ffentlichte er ein W\u00f6rterbuch der Sprache der Blackfoot-Indianer sowie wissenschaftliche Werke \u00fcber Gibbonaffen, die chinesische Laute und das Sexualverhalten im alten China. Ber\u00fchmt wurde er jedoch durch seine Kriminalromane um Richter Di aus dem alten China. Einmal unternahm van Gulik jedoch auch einen Krimiausflug in das Amsterdam der\u00a0 60er Jahre. Heraus kam dabei <em>Der geschenkte Tag,<\/em> ein faszinierender Kriminalroman mit ungew\u00f6hnlichen Themen.<!--more  Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Hauptfigur ist der Ich-Erz\u00e4hler Hendriks, ein ehemaliger Kolonialbeamter, der nach seiner R\u00fcckkehr aus Java als Kaufhausbuchhalter in Amsterdam lebt. Hendriks hat in den Kolonien seine erste und seine zweite Ehefrau sowie seine Tochter verloren und geriet durch eine Verwechslung f\u00fcr drei Jahre in japanische Gefangenschaft.<\/p>\n<p>Nach Ende des Krieges kehrte er nach Amsterdam zur\u00fcck, wo er einsam, verbittert und traumatisiert lebt. Vor allem die Erinnerung an Hauptmann Uyeda, der ihn w\u00e4hrend der Gefangenschaft immer wieder gefoltert und verh\u00f6rt hatte, l\u00e4sst ihn nicht los. Dabei wurde Uyeda nach der Niederlage der Japaner im Zweiten Weltkrieg als Kriegsverbrecher hingerichtet. Doch \u201eHauptmann Uyeda ist immer noch da, irgendwo tief in mir. Mein Geist ist f\u00fcr immer von seinem brennend hei\u00dfen Eisen, von seiner bei\u00dfenden Peitsche gekennzeichnet. Ich legte ihm die Schlinge um den Hals und lie\u00df ihn h\u00e4ngen, bis der Tod eintrat. Aber ich konnte ihn nicht t\u00f6ten.\u201c<\/p>\n<p>Vor dem Krieg lebte Uyeda in einem Zen-Kloster. \u201eEr hatte zufriedenstellende Fortschritte gemacht, aber der Meister schickte ihn fort, weil Uyeda das letzte ihm aufgegebene R\u00e4tsel nicht l\u00f6sen konnte: \u201aDer Schnee schmilzt auf dem Gipfel des Fudschijama.\u2019\u201c<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1485\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Kodaki_fuji_frm_shojinko.jpg\" alt=\"Kodaki_fuji_frm_shojinko\" width=\"480\" height=\"321\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Kodaki_fuji_frm_shojinko.jpg 480w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Kodaki_fuji_frm_shojinko-300x201.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><br \/>\nSchnee auf dem Fudschijama (<em>Foto: Wikipedia, \u201eKodaki fuji frm shojinko\u201c von \u540d\u53e4\u5c4b\u592a\u90ce &#8211; \u6295\u7a3f\u8005\u304c\u64ae\u5f71\u3002<\/em>)<\/p>\n<p>Dieses R\u00e4tsel, dieses Koan, gibt Uyeda kurz vor seinem Tod an Hendriks weiter: \u201eAls ich ihm die Schlinge um den Hals gelegt habe, sind Uyedas letzte Worte: \u201aBitte pr\u00fcfen Sie nach, was ich Ihnen \u00fcber Zen zu erz\u00e4hlen pflegte.\u2019\u201c<\/p>\n<p>Koans dienen im Zen-Buddhismus der spirituellen Schulung. Es sind kurze, oft paradoxe (der Schnee auf dem Fudschijama schmilzt nie) und auf den ersten Blick unverst\u00e4ndliche S\u00e4tze, Erz\u00e4hlungen oder Ausspr\u00fcche, die von alten Zen-Meistern \u00fcberliefert worden sind. Ber\u00fchmte Zen-Koans sind zum Beispiel die Frage nach dem \u201eLaut des Klatschens einer Hand\u201c oder das Mu-Koan des Zen-Meisters Joshu:<\/p>\n<p>\u201eEin M\u00f6nch fragte einmal Joshu:<br \/>\n\u201aHat ein Hund Buddha-Natur?\u2019<br \/>\nJoshu antwortete: \u201aMu!\u2019\u201c.<br \/>\n(Albert Low, <em>Wo bist du, wenn ein Vogel singt?<\/em>, Theseus 1997, S. 41)<\/p>\n<p>Zen-Sch\u00fcler bekommen Koans von ihrem Zen-Meister und m\u00fcssen im direkten Gespr\u00e4ch eine Antwort auf diese paradoxen Fragen geben. Das gelingt ihnen, so die Theorie, nur mit einem klaren Geist, der wiederum, so die Theorie, durch intensive Meditationspraxis erlangt werden kann.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1488\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/BodhidharmaYoshitoshi18871.jpg\" alt=\"BodhidharmaYoshitoshi1887\" width=\"360\" height=\"526\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/BodhidharmaYoshitoshi18871.jpg 360w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/BodhidharmaYoshitoshi18871-205x300.jpg 205w\" sizes=\"(max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><br \/>\nBodhidharma, der Legende zufolge der erste Zen-Patriarch (<em>Bild: Yoshitoshi 1887, Quelle: Wikipedia<\/em>)<\/p>\n<p>Hauptmann Uyeda konnte sein letztes Koan nicht l\u00f6sen und f\u00fcr Hendriks symbolisiert die paradoxe Frage nach dem \u201eSchnee, der auf Gipfel des Fudschijama schmilzt\u201c, seine Einsamkeit, sein Trauma, seine Depression und sein Gef\u00fchl, nach dem Erlebnis der Folter in der Welt nicht mehr heimisch werden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Doch Hendriks\u2019 gleichf\u00f6rmiges Leben \u00e4ndert sich an einem 29. Februar, einem \u201egeschenkten Tag\u201c, an dem er zuf\u00e4llig Zeuge eines \u00dcberfalls auf eine junge Frau \u2013 Eveline \u2013 wird. Er greift ein, hilft der Frau und st\u00f6rt dabei die Kreise einer Verbrecherbande. Im weiteren Verlauf des Romans geht es darum, ob er den Verbrechern das Handwerk legen und ob er Eveline retten kann. Und nat\u00fcrlich um die Frage, ob Hendriks inneren Frieden und eine Antwort auf das Koan findet, das Hauptmann Uyeda nicht l\u00f6sen konnte.<\/p>\n<p>Ein k\u00fchnes Thema. Und anders als in den gef\u00e4lligen Romanen um den chinesischen Richter Di, in denen die \u201eGuten\u201c zuverl\u00e4ssig gut und die \u201eB\u00f6sen\u201c ebenso zuverl\u00e4ssig b\u00f6se sind, tauchen im \u201eGeschenkten Tag\u201c immer wieder ambivalente Charakter auf: der Zen-Sch\u00fcler Uyeda, der Erleuchtung sucht und zum gef\u00fchllosen Folterknecht wird, Hendriks, der seine erste Ehefrau betrogen hat und glaubt, am Tod seiner zweiten Ehefrau Schuld zu sein; die weibliche Hauptfigur Eveline, der Hendriks helfen will, doch die sich als drogens\u00fcchtige Prostituierte herausstellt.<\/p>\n<p>Vielleicht war das zu viel Ambivalenz f\u00fcr einen Krimi aus dem Jahre 1964. In seiner lesenwerten Biographie <em>Robert van Gulik: Ein Leben mit Richter Di<\/em> schildert der holl\u00e4ndische Kriminalautor Jan Willem van de Wetering, der ein gro\u00dfer Bewunderer van Guliks war, das Schicksal des <em>Geschenkten Tags<\/em>: \u201eDie niederl\u00e4ndische Version &#8230; wurde sofort verramscht. Eine (von van Gulik selbst angefertigte) englische \u00dcbersetzung wurde privat in Malaysia ver\u00f6ffentlicht und nie verkauft, die meisten Exemplare gingen verloren. &#8230; Die erste US-Ausgabe (1984) erschien in einer Auflage von nur dreihundert St\u00fcck.\u201c Abschlie\u00dfend schreibt Van de Wetering: \u201eDie Taschenbuchausgabe (1986) wird hoffentlich einen gr\u00f6\u00dferen Leserkreis erreichen.\u201c (Janwillem van de Wetering, <em>Robert van Gulik: Ein Leben mit Richter Di<\/em>, Z\u00fcrich: Diogenes Taschenbuch 1992, S. 103)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1486\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/ein_leben_mit_richter_di.jpg\" alt=\"ein_leben_mit_richter_di\" width=\"217\" height=\"346\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/ein_leben_mit_richter_di.jpg 217w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/ein_leben_mit_richter_di-188x300.jpg 188w\" sizes=\"(max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/p>\n<p>Van de Wetering f\u00fchrt die ablehnende Haltung der Rezensenten unter anderem auf ihr mangelndes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Zen zur\u00fcck. Van de Wetering hingegen wusste, wor\u00fcber er da sprach. Er hatte sich sich im Laufe seines Lebens ausf\u00fchrlich mit Zen besch\u00e4ftigt und eine Zeitlang in japanischen und amerikanischen Zen-Kl\u00f6stern gelebt. Seine spirituellen Erfahrungen schildert er in den B\u00fcchern <em>Der leere Spiegel<\/em>, <em>Ein Blick ins Nichts<\/em> und <em>reine leere: Erfahrungen eines respektlosen Zen-Sch\u00fclers<\/em>.<\/p>\n<p><em>Der geschenkte Tag<\/em> erreichte sp\u00e4ter zwar tats\u00e4chlich einen \u201egr\u00f6\u00dferen Leserkreis\u201c, aber war nie so popul\u00e4r wie die Richter Di-Romane, die Millionenauflagen erzielten. So haftet dem Buch immer noch die Aura eines Geheimtipps an. Geheimtipp oder nicht: trotz streckenweise altmodischer Sprache und nicht immer geradliniger Handlung bleibt <em>Der geschenkte Tag<\/em> ein eigenwilliger, faszinierender und lesenswerter Roman.<\/p>\n<div class='sfsi_Sicons' style='width: 100%; display: inline-block; vertical-align: middle; text-align:left'><div style='margin:0px 8px 0px 0px; line-height: 24px'><span><\/span><\/div><div class='sfsi_socialwpr'><div class='sf_subscrbe' style='text-align:left;vertical-align: middle;float:left;width:64px'><a href=\"http:\/\/www.specificfeeds.com\/widgets\/emailSubscribeEncFeed\/Q0FJU2IrL21rdElzb0J1Mnd4UWp5M2JZMHQ5YXBNTW01ZnhPcUtDWnpWVFVEcEgvdGwvUHQ3R2lnWTEyVjh2WmFlaE1KbEw2YnBuZ3hRMFFqNEZoQWgyNFlqRGZydzNJZEFYS3VPMjhCZVNHbFNuNU5qbXI1OGNjeW8zb1dXVlh8aDdxZGtDYTZTaTNPNTZZcENLZXhwbkF0bTlJWFpwWitxQTAwdHRkU3VOdz0=\/OA==\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/plugins\/ultimate-social-media-icons\/images\/follow_subscribe.png\" alt=\"error\" \/><\/a><\/div><div class='sf_fb' style='text-align:left;vertical-align: middle;width:98px'><div class=\"fb-like\" data-href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2015\/03\/15\/koan-im-krimi-robert-van-guliks-der-geschenkte-tag\/\" data-width=\"180\" data-send=\"false\" data-show-faces=\"false\"  data-action=\"like\" data-share=\"true\"data-layout=\"button\" ><\/div><\/div><div class='sf_twiter' style='text-align:left;float:left;vertical-align: middle;width:auto'><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" data-count=\"none\" class=\"sr-twitter-button twitter-share-button\" lang=\"en\" data-url=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2015\/03\/15\/koan-im-krimi-robert-van-guliks-der-geschenkte-tag\/\" data-text=\"Koan im Krimi: Robert van Guliks \u201eDer geschenkte Tag\u201c\" ><\/a><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Robert van Gulik, geboren am 9. 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