{"id":1480,"date":"2015-03-09T07:11:39","date_gmt":"2015-03-09T06:11:39","guid":{"rendered":"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/?p=1480"},"modified":"2017-04-19T21:49:09","modified_gmt":"2017-04-19T19:49:09","slug":"bobby-fischer-buecher-ueber-einen-mythos-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2015\/03\/09\/bobby-fischer-buecher-ueber-einen-mythos-2\/","title":{"rendered":"Bobby Fischer: B\u00fccher \u00fcber einen Mythos"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1045\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/teaser-fischer.jpg\" alt=\"Bobby Fischer\" width=\"199\" height=\"225\" \/>Bobby Fischer wurde am 9. M\u00e4rz 1943 im Michael Reese Hospital in Chicago geboren. Seine Mutter, Regina Fischer, war alleinerziehend und damals obdachlos, seine \u00e4ltere Schwester Joan lebte bei ihrem Gro\u00dfvater Jacob Wender, dem Vater von Regina. Bald nach Bobbys Geburt holte Regina ihre Tochter wieder zu sich und zog auf der Suche nach Arbeit mit ihren beiden Kindern nach Kalifornien, Idaho, Oregon, Illinois und Arizona. 1949 kam sie nach New York. Dort lernte Bobby Schach und wurde sp\u00e4ter der vielleicht beste Spieler aller Zeiten. Zur Erinnerung an Fischers 71. Geburtstag habe ich letztes Jahr in der April-Ausgabe 2014 der Zeitschrift <a href=\"http:\/\/www.zeitschriftschach.de\/\">Schach<\/a> einen Artikel \u00fcber deutschsprachige B\u00fccher zum Thema Fischer ver\u00f6ffentlicht. Zum 72. Geburtstag des umstrittenen Genies erscheint dieser Artikel jetzt mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift <a href=\"http:\/\/www.zeitschriftschach.de\/\">Schach<\/a> hier im Blog.<!--more Zum Artikel...--><\/p>\n<p><strong>Bobby Fischer in der (deutschsprachigen) Schachliteratur<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber keinen Schachspieler ist so viel geschrieben worden wie \u00fcber Robert James Fischer. Aus gutem Grund: sein Schach war brillant, seine Pers\u00f6nlichkeit schillernd, sein Leben faszinierend und tragisch zugleich.<\/p>\n<p><strong>1943<\/strong><br \/>\nAm 9. M\u00e4rz wird Bobby in Chicago, Illinois, als zweites Kind von Regina und Hans Gerhardt Fischer geboren. Seinen leiblichen Vater hat er nie kennengelernt, sp\u00e4tere Entdeckungen legen nahe, dass es ein ungarischer Physiker namens Paul Nemenyi war.<\/p>\n<p><strong>1943-51<\/strong><br \/>\nBobbys Kindheit ist von Armut und h\u00e4ufigen Umz\u00fcgen gepr\u00e4gt. Schach lernt er im Alter von sechs Jahren von seiner \u00e4lteren Schwester Joan.<\/p>\n<p><strong>1951-56<\/strong><br \/>\nFischers offizieller Eintritt in die Schachwelt datiert auf den 17.1.1951. Bei einer Simultanveranstaltung unterliegt er dem amerikanischen Meister Max Pavey. Der Schachtrainer Carmine Nigro wird auf ihn aufmerksam und l\u00e4dt ihn in den Chess Club Brooklyn ein. Bald spielt Fischer in jeder freien Minute Schach und studiert alle B\u00fccher, derer er habhaft werden kann. Er ist st\u00e4ndiger Gast im Marshall und Manhattan Chess Club.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1451\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/schach_beim-essen.jpg\" alt=\"schach_beim-essen\" width=\"300\" height=\"207\" \/><\/p>\n<p><strong>1956-59<\/strong><br \/>\nSeinen Durchbruch feiert Fischer mit 13 Jahren: beim Lessing-Rosenwald-Gedenkturnier 1956 in New York gewinnt er eine brillante Partie gegen Donald Byrne, die um die Welt geht. Mit 14 wird Fischer zum ersten Mal USA-Meister (insgesamt gewann er den Titel acht Mal, 1963\/1964 mit 11\/11), mit 15 wird er zum damals j\u00fcngsten Gro\u00dfmeister aller Zeiten gek\u00fcrt.<\/p>\n<p><strong>1959-67<\/strong><br \/>\nIm Kandidatenturnier 1959 belegt Fischer den 5.\/6. Platz, trotz seiner Jugend geh\u00f6rt er bereits zu den besten Spielern der Welt. 1962 in Curacao wird er als einer der Favoriten gehandelt, belegt jedoch hinter Petrosjan, Geller und Keres nur Platz vier. Er glaubt an einen Remispakt der Sowjets und f\u00fchlt sich betrogen. Erst zum Interzonenturnier 1967 in Sousse kehrt er in den WM-Zyklus zur\u00fcck, tritt jedoch in F\u00fchrung liegend nach Streitigkeiten mit den Organisatoren zur\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>1970-72<\/strong><br \/>\n1970 startet Fischer einen neuen Anlauf auf den Schachthron \u2013 diesmal ist er von Erfolg gekr\u00f6nt. Auf dem Wege zum Titelmatch gewinnt er 20 Partien in Folge: die letzten sieben beim Interzonenturnier in Palma de Mallorca 1970, Mark Taimanow und Bent Larsen besiegt er in den Kandidatenk\u00e4mpfen jeweils mit 6-0, und schlie\u00dflich bleibt er auch in der ersten Partie des Kandidatenfinales siegreich. Dort beherrscht er Petrosjan mit 6,5-2,5. Und auch die letzte sowjetische Bastion h\u00e4lt nicht stand: In Reykjavik besiegt Fischer in einem mehrere Male vor dem Abbruch stehenden Match Titelverteidiger Spasski mit 12,5-8,5 und ist der elfte Weltmeister der Schachgeschichte!<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1452\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/sieger.jpg\" alt=\"sieger\" width=\"300\" height=\"425\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/sieger.jpg 300w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/sieger-212x300.jpg 212w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p><strong>1972-92<\/strong><br \/>\nNach dem Gewinn des WM-Titels absolviert Fischer noch einige \u00f6ffentliche Auftritte, bevor er in der Versenkung verschwindet. Er zieht sich vom Turnierschach zur\u00fcck und verzichtet 1975 auch darauf, seinen Titel gegen Karpow zu verteidigen. In den folgenden Jahren sorgte Fischer nicht mehr mit seinem Schach, sondern vor allem mit antisemitischen Hasstiraden f\u00fcr Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p><strong>1992<\/strong><br \/>\nFischer kehrt noch einmal ans Schachbrett zur\u00fcck und spielt 20 Jahre nach dem WM-Kampf in Reykjavik ein mit 5 Millionen US-Dollar dotiertes \u201eRevanchematch\u201c gegen Spasski. Der Wettkampf findet in Jugoslawien statt, das wegen des damals herrschenden B\u00fcrgerkriegs mit einem US-Embargo belegt worden war. Fischer verst\u00f6\u00dft dagegen und kann fortan nicht mehr in die USA zur\u00fcck<\/p>\n<p><strong>2004-08<\/strong><br \/>\nAm 13. Juli 2004 wird Fischer am Flughafen Tokio verhaftet. Unterst\u00fctzern gelingt es, ihm die isl\u00e4ndische Staatsb\u00fcrgerschaft verleihen zu lassen. Er wird im M\u00e4rz 2005 aus der Haft entlassen und kann nach Island ausreisen, wo er den Rest seines Lebens verbringt.<\/p>\n<p><strong>2008<\/strong><br \/>\nFischer stirbt am 17. Januar 2008 im Alter von 64 Jahren \u2013genau 57 Jahre nach seiner Simultanpartie gegen Max Pavey.<\/p>\n<p>Im Folgenden gebe ich einen \u2013 nicht auf Vollst\u00e4ndigkeit bedachten \u2013 \u00dcberblick \u00fcber die wichtigsten auf Deutsch erschienenen B\u00fccher \u00fcber das Ph\u00e4nomen \u201eFischer\u201c. Artikel, Zeitschriften, CDs, DVDs und Videoclips habe ich dabei nicht ber\u00fccksichtigt, mir allerdings einige wenige Schlenker in den englischsprachigen Bereich erlaubt.<\/p>\n<p>Eines der meistverkauften Schachb\u00fccher, wenn nicht gar das meistverkaufte \u00fcberhaupt, ist <em>Bobby Fischer lehrt Schach<\/em>, ein Anf\u00e4ngerbuch mit 275 einfachen Aufgaben. Fischer leiht dem Titel zwar seinen Namen, doch geschrieben haben das Buch wahrscheinlich ausschlie\u00dflich die als Co-Autoren genannten Stuart Margulies und Donn Mosenfelder. Kaum etwas deutet darauf hin, dass Fischer den Schachkurs f\u00fcr Anf\u00e4nger konzipiert hat.<\/p>\n<p>Ganz sicher aber ist er der Autor eines der besten Schachb\u00fccher aller Zeiten: <em>My Sixty Memorable Games<\/em>, einer 1969 ver\u00f6ffentlichten Partiesammlung. Die Einleitungen zu jeder Begegnung schrieb der amerikanische Gro\u00dfmeister Larry Evans.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1474\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/60memorablegamescover.jpeg\" alt=\"60memorablegamescover\" width=\"197\" height=\"300\" \/><\/p>\n<p>Die erste deutsche \u00dcbersetzung (<em>Meine 60 Denkw\u00fcrdigen Partien<\/em>) erschien 1972 im Verlag Dr. Eduard Wildhagen, eine Neu\u00fcbersetzung von Matthias Vettel kam 2002 bei Rattmann heraus.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1453\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/60dendwuerdige_vettel.jpg\" alt=\"60dendwuerdige_vettel\" width=\"300\" height=\"392\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/60dendwuerdige_vettel.jpg 300w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/60dendwuerdige_vettel-230x300.jpg 230w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Mittlerweile ist das Buch fast 50 Jahre alt, aber die Analysen wirken unver\u00e4ndert frisch und originell. Bei den h\u00e4ufig idiomatisch eingef\u00e4rbten Kommentaren meint man Fischer selbst sprechen zu h\u00f6ren, \u00fcberall klingt seine Schachbegeisterung an. Erfreulich, und in Anbetracht von Fischers Egomanie im wirklichen Leben auch \u00fcberraschend, ist die Tatsache, dass er nicht nur Gewinnpartien in den Band aufgenommen hat, sondern auch drei seiner Niederlagen und einige Remispartien zeigt.<\/p>\n<p><strong>Reykjavik 1972<\/strong><\/p>\n<p>Einen Nachteil hat Fischers Buch allerdings: Es endet mit der Partie gegen Leonid Stein beim Interzonenturnier in Sousse 1967. Seinen erfolgreichen Ansturm auf den Schachthron muss man anderenorts nachvollziehen. Der Weltmeisterschaftskampf gegen Boris Spasski in Reykjavik1972 l\u00f6ste einen wahren Boom aus, Zeitungen in aller Welt berichteten dar\u00fcber, Millionen von Menschen interessierten sich pl\u00f6tzlich f\u00fcr Schach. Entsprechend viele B\u00fccher wurden \u00fcber das Match herausgebracht. Eine lebhafte Darstellung, die das Drama, das Fischer in Reykjavik (und davor) mit seinen Launen, seinen Kapriolen und seinen nicht enden wollenden Forderungen inszenierte, lebendig werden l\u00e4sst, ist Svetozar Gligoric\u2019 <em>Fischer-Spasskij: Schachmatch des Jahrhunderts<\/em> (Droemer Knaur Verlag 1972).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1459\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/gligoric_fischerspasskij.jpg\" alt=\"gligoric_fischerspasskij\" width=\"300\" height=\"457\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/gligoric_fischerspasskij.jpg 300w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/gligoric_fischerspasskij-197x300.jpg 197w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Gligoric weilte vor Ort, sein Buch war das erste, das nach dem Wettkampf erschien. Die amerikanische Originalausgabe, die er zusammen mit David Levy geschrieben hatte, war \u201ebereits auf dem Weg zur Druckerpresse, bevor das Endergebnis offiziell verk\u00fcndet worden war und stand in New Yorker Buchl\u00e4den 24 Stunden nach dessen Verk\u00fcndung zum Verkauf. [&#8230;] Die Auflage von einhunderttausend St\u00fcck war schnell ausverkauft.\u201c (Edmonds\/ Eidinow, <em>Bobby Fischer Goes toWar: How the Soviets Lost the Most Extraordinary Chess Match of All Time<\/em>, HarperCollins 2004, S.307, hier und in der Folge meine \u00dcbersetzung).<\/p>\n<p>Auch Rudolf Teschner (<em>Fischer gegen Spasski: Die vollst\u00e4ndigen Partien der Schach-Weltmeisterschaft in Reykjavik<\/em>, Goldmann 1972), Theo Schuster (<em>Schachgenie Fischer: Sein Weg zur Weltmeisterschaft<\/em>, Franck\u2019sche Verlagshandlung 1973) und Ludek Pachman (<em>Reykjavik 1972: Der Titelkampf Fischer-Spasskij<\/em>, Rau Verlag 1972) ver\u00f6ffentlichten B\u00fccher \u00fcber das Match. Sie enthalten jeweils eine knappe Vorgeschichte, Portr\u00e4ts der Kontrahenten sowie Kommentare zu den Partien und sind aus heutiger Sicht vor allem deshalb interessant, weil sie zeigen, wie Fischer damals gesehen wurde.<\/p>\n<p>So schreibt Pachman \u00fcber Fischer: \u201eIn der ganzen Schachgeschichte gibt es kaum eine so umstrittene Pers\u00f6nlichkeit wie Bobby Fischer. Er ist seltsam, eigenartig, unberechenbar. Es mu\u00df dem k\u00fcnftigen Historiker \u00fcberlassen bleiben, sein Charakterbild zu zeichnen. [&#8230;] Vielleicht erlebt die Schachwelt eine Wandlung dieser Koryph\u00e4e, vielleicht wird Bobby erst nach Erreichen seines ersehnten Ziels lebensreif. [&#8230;] Er ist da und bleibt auch da, weil er keinen Gegner in der Welt hat und auch in der nahen Zukunft kein Gegner zu vermuten ist. Die Entwicklung eines Schachstars dauert wenigstens ein Jahrzehnt, und so hei\u00dft der Weltmeister der siebziger Jahre R. Fischer.\u201c (Pachman, S. 74)<\/p>\n<p>2004 ver\u00f6ffentlichten die beiden englischen Journalisten David Edmonds und John Eidinow das oben schon erw\u00e4hnte <em>Bobby Fischer Goes to War<\/em>, einen gr\u00fcndlich recherchierten und packend geschriebenen R\u00fcckblick auf das Match, der vor allem die politischen Hintergr\u00fcnde analysiert. Die Partien werden hier nicht beleuchtet.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1456\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/edmondseidinow_fischergoestowar.jpg\" alt=\"edmondseidinow_fischergoestowar\" width=\"300\" height=\"494\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/edmondseidinow_fischergoestowar.jpg 300w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/edmondseidinow_fischergoestowar-182x300.jpg 182w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Die deutsche Fassung erschien 2007 unter dem Titel <em>Wie Bobby Fischer den Kalten Krieg gewann: Die ungew\u00f6hnlichste Schachpartie aller Zeiten<\/em> bei DVA und im Fischer-Taschenbuch Verlag. Die beiden renommierten \u00dcbersetzer Klaus Timmermann und Ulrike Wasel zeigten sich hier bei den Schachbegriffen nicht immer sattelfest.<\/p>\n<p>Eidinows und Edwards Blick auf Fischer ist kritisch. So zitieren sie den \u00f6sterreich-ungarischen Schriftsteller und Essayisten Arthur Koestler, der ebenfalls ein Buch \u00fcber den Wettkampf in Reykjavik geschrieben hat, und darin f\u00fcr Fischer die Bezeichnung \u201eMimofant\u201c pr\u00e4gte: \u201eEin Mimofant ist eine hybride Spezies: eine Mischung aus einer Mimose und einem Elefanten. Ein Angeh\u00f6riger dieser Spezies ist empfindlich wie eine Mimose, wenn es um seine eigenen Gef\u00fchle geht, aber trampelt dickh\u00e4utig wie ein Elefant \u00fcber die Gef\u00fchle der anderen hinweg.\u201c (Edmonds\/Eidinow, S. 24).<\/p>\n<p>Den Wettkampf sehen Edmonds und Eidinow \u201eim Wesentlichen\u201c als \u201eeine Trag\u00f6die. Was, wie von Spasski erhofft, ein Schachfest h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, bleibt durch das pathologisch manipulative Verhalten des Herausforderers, die Panik der Offiziellen und den psychologischen Zusammenbruch des Titelverteidigers ebenso im Ged\u00e4chtnis wie durch die Qualit\u00e4t der Partien.\u201c (ebendort, S. 310).<\/p>\n<p><strong>Biographisches<\/strong><\/p>\n<p>Die meisten B\u00fccher, die sich mit Fischer besch\u00e4ftigen, zeichnen ein freundlicheres Bild von ihm. Die Holl\u00e4nder Hans Kramer und S. H. Postma ver\u00f6ffentlichten 1966 unter dem Titel <em>Das Schachph\u00e4nomen Robert Fischer<\/em> (Variant 1982, Erstauflage 1962) eine Biographie Fischers, in dem sie die Laufbahn des Amerikaners anhand von 108 kommentierten Partien nachzeichnen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1464\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/kramerpostma_schachphaenomenfischer.jpg\" alt=\"kramerpostma_schachphaenomenfischer\" width=\"300\" height=\"468\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/kramerpostma_schachphaenomenfischer.jpg 300w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/kramerpostma_schachphaenomenfischer-192x300.jpg 192w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Den Auftakt macht die Sch\u00f6nheitspartie gegen Donald Byrne von 1956, den Schlussakkord setzt sein Sieg gegen Smyslow beim Capablanca Memorial 1965, an dem Fischer \u2013 der aus politischen Gr\u00fcnden nicht nach Kuba reisen durfte \u2013 per Fernschreiber teilnahm. Lesenswert ist das charmant geschriebene Buch auch heute noch. Vor allem, weil es daran erinnert, welch gro\u00dfe Hoffnungen man in den Schachspieler Fischer einst setzte. Seinen Sieg beim Interzonenturnier 1962 kommentieren die Autoren so: \u201eWas die menschliche Seite betrifft, ist es vom p\u00e4dagogischen Standpunkt nat\u00fcrlich ganz falsch, einen Jungen von 15 Jahren nach siebenj\u00e4hrigem Schulbesuch, wenn auch mit einem unvorstellbar gro\u00dfen Schachtalent, in die weite Welt zu schicken. Die schlechten Folgen davon waren in der ersten Zeit deutlich zu sehen. Jedermann wird aber zugeben, da\u00df Fischer schon aufgeholt hat und im Begriff ist, sich zu einer anziehenden sportlichen Pers\u00f6nlichkeit zu entwickeln und vor allem zu einem sehr starken Schachspieler. Man kann von Fischer wirklich nicht sagen, da\u00df er seine Talente nicht genutzt h\u00e4tte.\u201c (Kramer\/Postma, S. 241).<\/p>\n<p>Unter einem \u00e4hnlichen Titel, n\u00e4mlich <em>Schach-Ph\u00e4nomen Bobby Fischer<\/em>, erschien 1973 im Copress-Verlag eine weitere Biographie. Als Autor fungierte diesmal Aleksander Pasternjak, ein slowenischer Journalist, der Fischers Weg bis zum Gewinn des Titels mit einem Hauch zu viel Pathos beschreibt. Ein Beispiel: \u201eFischer eilte mit schnellen Schritten weg von der St\u00e4tte seines Triumphs, [&#8230;] in seine Welt der absoluten Isolation, wo er mit beinahe d\u00e4monischer Beharrlichkeit das Schachmosaik zusammenf\u00fcgt, in dem pers\u00f6nliche Geheimniskr\u00e4merei und Schachrealismus zu einer unglaublichen Kombination zusammenflie\u00dfen.\u201c (Pasternjak, S. 137). Daf\u00fcr enth\u00e4lt das Buch sch\u00f6ne Fotos von Fischer und Spasski, viele Details \u00fcber den Wettkampf in Reykjavik sowie einige kommentierte und 245 unkommentierte Partien Fischers.<\/p>\n<p>Nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft machte es Fischer seinen Anh\u00e4ngern und Fans immer schwerer, ihn zu bewundern, denn er zog sich vollst\u00e4ndig vom Turnierschach und aus der \u00d6ffentlichkeit zur\u00fcck. 1975 verzichtete er sogar auf die Titelverteidigung gegen Karpow und ist bis heute der einzige Weltmeister der Schachgeschichte, der seinen Titel kampflos verlor.<\/p>\n<p>Zahlreiche, durchaus lukrative Angebote, Werbung f\u00fcr bestimmte Produkte zu machen oder Schauk\u00e4mpfe zu spielen, lehnte Fischer regelm\u00e4\u00dfig ab. Die Verhandlungen folgten dabei stets dem gleichen Muster: Erhielt er ein Angebot, witterte er Betrug und hatte Angst, ausgenutzt und betrogen zu werden. Also lehnte er ab oder stellte zus\u00e4tzliche Forderungen. Wurden diese erf\u00fcllt, war Fischer nicht bes\u00e4nftigt und schraubte seine Forderungen weiter nach oben \u2013 bis alle Verhandlungen scheiterten.<\/p>\n<p>Mit einer Ausnahme. 1992 stimmte Fischer zu, zwanzig Jahre nach Reykjavik noch einmal gegen Spasski zu spielen. Gelockt wurde er von einem Preisgeld von f\u00fcnf Millionen Dollar, von denen zwei Drittel an den Sieger gingen. Trotz des herrschenden B\u00fcrgerkrieges fand das Match auf der jugoslawischen Ferieninsel Sveti Stefan und in Belgrad statt, als Finanzier des Wettkampfs fungierte der zwielichtige Bankier Jezdimir Vasiljevic.<\/p>\n<p>Fischer war zwar 1975 nicht gegen Karpow angetreten und damit nicht mehr Weltmeister, aber er selbst sah das anders. Nicht er, sondern Karpow habe den Wettkampf verweigert, weil dieser bzw. die FIDE nicht auf seine Forderungen betreffs der Wettkampfregularien eingegangen waren. Fischer bestand darauf, das Match gegen Spasski \u201eRevanchematch um die Schachweltmeisterschaft\u201c zu nennen und nach den Regeln zu spielen, die Fischer 1975 f\u00fcr seinen Wettkampf gegen Karpow gefordert hatte: Gespielt wurde eine unbegrenzte Zahl von Partien, Sieger war, wer als erster zehn Partien gewonnen hatte. Bei einem 9-9 w\u00e4re der Titelverteidiger Weltmeister geblieben. Fischer gewann den R\u00fcckkampf nach 20j\u00e4hriger Pause mit 10-5, f\u00fcnfzehn Partien endeten Unentschieden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1462\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/kohlmeyer_schachgeniekehrtzurueck.jpg\" alt=\"kohlmeyer_schachgeniekehrtzurueck\" width=\"300\" height=\"438\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/kohlmeyer_schachgeniekehrtzurueck.jpg 300w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/kohlmeyer_schachgeniekehrtzurueck-205x300.jpg 205w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Als einziger deutscher Journalist war Dagobert Kohlmeyer vor Ort. Seine Erlebnisse schilderte er (als Co-Autor wird Manfred von Fondern genannt) in <em>Bobby Fischer: Ein Schachgenie kehrt zur\u00fcck <\/em>(BeyerVerlag 1992). Kohlmeyer ist bekennender Fischer-Fan und h\u00e4lt sich mit Kritik \u00fcber die Umst\u00e4nde des Kampfes und Fischers gewohnt bizarres Verhalten weitgehend zur\u00fcck, tadelt jedoch Kasparow f\u00fcr \u201e\u00c4u\u00dferungen [&#8230;] unter der ber\u00fchmten G\u00fcrtellinie\u201c. Der damals amtierende Weltmeister war vom SPIEGEL zu dem Wettkampf befragt worden und \u00e4u\u00dferte sich u. a. so: \u201eFischer, vorausgesetzt er w\u00e4re geistig normal, m\u00fc\u00dfte entt\u00e4uscht sein von seinen Leistungen.\u201c Oder: \u201eFischer ist zu unbedeutend, um hoheWellen zu schlagen [&#8230;] die Qualit\u00e4t (seiner Partien) war niedrig, in jedem Spiel gab es gro\u00dfe Fehler [&#8230;] Ich sehe nichts Interessantes f\u00fcr mich.\u201c (Kohlmeyer, S. 156).<\/p>\n<p>Kohlmeyers Antwort auf seine selbstgestellte Frage \u201eWelche erste Bilanz kann gezogen werden, was bleibt f\u00fcr die Annalen der Schachgeschichte festzuhalten?\u201c f\u00e4llt verhalten positiv aus: \u201eDa ist zun\u00e4chst Bobby Fischers Comeback, mit dem nach so langer Zeit eigentlich nicht mehr zu rechnen war. [&#8230;] Da sind einige spektakul\u00e4re Partien, wie die 1., die 7., die 11., die 16. oder 25. \u2013 in denen der Exweltmeister seine alte einsame Klasse zeigte. Da waren aber auch Schw\u00e4chen und Fehlgriffe zu beobachten, die nach so langer Wettkampfpause kein Wunder sind. [&#8230;] Einen Gegner wie Spasski, der gerade zu den ersten 100 der Weltrangliste z\u00e4hlt, konnte Fischer in Schach halten. [&#8230;] Gegen die j\u00fcngere Garde, die sehr viel bissiger spielt, [&#8230;] d\u00fcrfte Bobby Fischer es schwerer haben als gegen seinen alten Freund Boris Spasski, von dem man [&#8230;] sehr oft den Eindruck hatte, er wolle seinem einstigen Bezwinger nicht allzu weh tun.\u201c Kohlmeyers abschlie\u00dfendes Urteil lautet: \u201eSveti Stefan und Belgrad 1992 waren ganz sicher eine Reise wert und werden in die Schachhistorie eingehen, denn beide Schaupl\u00e4tze sahen eines der ungew\u00f6hnlichsten Duelle, das die Geschichte des Spiels auf den 64 Feldern kennt.\u201c (ebendort, S. 156-157).<\/p>\n<p>Dennoch erinnert das Match mit seinen Umst\u00e4nden, den fehlerbehafteten Partien und den beiden alternden Protagonisten, von denen einer darauf beharrte, um den Titel zu spielen, an Karl Marx\u2019 Bemerkung, dass \u201esich alle gro\u00dfen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sozusagen zweimal ereignen: das eine Mal als Trag\u00f6die, das andere Mal als Farce\u201c. Das erhoffte Comeback Fischers in die Turnierarena blieb aus, nach dem Wettkampf gegen Spasski spielte Fischer keine \u00f6ffentliche Partie mehr.<\/p>\n<p>Spasski vers\u00fc\u00dfte sich mit dem Preisgeld immerhin seinen Ruhestand, doch Fischer schadete sich, auf lange Sicht gesehen, enorm. Er hatte gegen das US-Embargo gegen Jugoslawien versto\u00dfen, konnte nicht mehr in die USA einreisen und wurde mit internationalem Haftbefehl gesucht. Trotzdem tourte Fischer in den folgenden Jahren unbehelligt durch Europa und Asien. Gelegentlich meldete er sich, um im Radio antisemitische Hetzreden zu halten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1450\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/nachlass.jpg\" alt=\"nachlass\" width=\"360\" height=\"398\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/nachlass.jpg 360w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/nachlass-271x300.jpg 271w\" sizes=\"(max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/p>\n<p><em>Die erste Seite eines 39-seitigen handschriftlichen Notizbuches<\/em><br \/>\n<em>von Fischer mit antisemitischen Parolen. Quelle: David &amp; Allessandra De Lucia,<\/em><br \/>\nBobby Fischer Uncensored<em>, Eigenverlag 2009. Das in kleiner Auflage erschienene<\/em><br \/>\n<em>Buch enth\u00e4lt einen Gro\u00dfteil von Fischers Nachlass.<\/em><\/p>\n<p>Fischers verst\u00f6render pathologischer Antisemitismus konsterniert um so mehr, als er selbst j\u00fcdischer Abstammung war: seine Mutter war ebenso wie sein vermutlicher biologischer Vater Paul Nemenyi j\u00fcdischer Herkunft. Fischer bejubelte nach dem 11. September 2001 sogar die Anschl\u00e4ge auf das <em>World Trade Center<\/em> in New York, der Stadt, in der er aufgewachsen war. Doch selbst daf\u00fcr zeigen Fischer-Verehrer noch Verst\u00e4ndnis: \u201eWie tief m\u00fcssen die seelischen Verletzungen sein, eine solche Ansicht \u00fcber die Anschl\u00e4ge in einer Stadt zu \u00e4u\u00dfern, in der er noch heute Freunde und Verehrer hat.\u201c (Wolfgang Daniel, <em>Robert James Fischer: \u201eIch wollte unbedingt gewinnen!\u201c Zitate, Notizen, Stationen und Partien aus dem Leben eines Schachprofis<\/em>, Schneidewind Verlag 2007, S. 111).<\/p>\n<p>Generell ist die Bewunderung, die Daniel f\u00fcr Fischer an den Tag legt, zu gro\u00df f\u00fcr einen differenzierten Blick auf seinen Helden: \u201eHochachtung verdient er daf\u00fcr, dass er dem Zeitgeist trotzte, dass er sich sein ganzes Leben weder bevormunden, noch politisch, ideologisch und kommerziell hat benutzen oder gar missbrauchen lassen. Robert James Fischer ist in vielerlei Hinsicht Vorbild f\u00fcr die junge Generation.\u201c (ebendort, S. 118). Eine Aussage, der man angesichts von Fischers Monomanie, seinem Verfolgungswahn, seiner Einsamkeit, seiner Unf\u00e4higkeit zu stabilen sozialen Beziehungen und nicht zuletzt seinem pathologischen Antisemitismus keinesfalls guten Gewissens zustimmen kann.<\/p>\n<p>Die ultimative Fischer-Biographie erschien erst drei Jahre nach dessen Tod: <em>Endgame<\/em> (Crown Publishers 2011), geschrieben von Frank Brady, Gr\u00fcndungsmitglied der amerikanischen Zeitschrift <em>Chess Life<\/em>, Professor an der St. Johns University und Autor von Biographien \u00fcber Orson Welles und Aristoteles Onassis.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1455\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/brady_endgame.jpg\" alt=\"brady_endgame\" width=\"300\" height=\"464\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/brady_endgame.jpg 300w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/brady_endgame-194x300.jpg 194w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Brady kannte Bobby seit dessen fr\u00fchester Jugend und hatte unter dem Titel <em>Profile of a Prodigy<\/em> bereits 1960 eine Biographie \u00fcber den jungen Fischer ver\u00f6ffentlicht. Unter dem gleichen Titel und wesentlich erweitert erschien 1973 die zweite Biographie, die die Zeit bis zum Gewinn des WM-Titels bestrich. Die deutsche \u00dcbersetzung von <em>Endgame<\/em> erschien ein Jahr sp\u00e4ter, 2012, unter dem Titel <em>Endspiel: Genie und Wahnsinn im Leben der Schachlegende Bobby Fischer <\/em>im RivaVerlag.<\/p>\n<p>Bereits im Vorwort verweist Brady auf die widerspr\u00fcchliche Natur Fischers: \u201eAls jemand, der Bobby Fischer seit fr\u00fcher Jugend kannte, wurde ich Hunderte Male gefragt, \u201aWie war Bobby Fischer wirklich?\u2019.Dieses Buch ist ein Versuch, diese Frage zu beantworten. Aber eine Warnung an diejenigen, die diese Seiten lesen: Es wimmelt vor Widerspr\u00fcchen. Bobby war verschlossen und doch offen; gro\u00dfz\u00fcgig und doch knauserig; naiv und doch gut informiert; grausam und doch g\u00fctig; religi\u00f6s und doch ketzerisch. Seine Partien waren voller Charme und Sch\u00f6nheit und Bedeutung. Seine abscheulichen \u00c4u\u00dferungen waren voller Grausamkeit und Vorurteil und Hass.\u201c (Brady, Author\u2019s Note)<\/p>\n<p>Obwohl Brady das zwiesp\u00e4ltige Wesen Fischers schildert, steht er Fischer insgesamt wohlwollend gegen\u00fcber. Detailliert, einf\u00fchlsam und gut lesbar schildert er Fischers Lebensweg, angefangen von fr\u00fchester Jugend bis hin zum R\u00fcckzug in die Einsamkeit nach dem Gewinn des WM-Titels 1972 und seinem Tod in Reykjavik. Brady achtet darauf, Fischers Lebensgeschichte neutral zu schildern und sie nicht zu werten. Er beschreibt seine Laufbahn, seine Launen und \u00c4ngste, seinen R\u00fcckzug vom Schach, aber verurteilt Fischer nicht. Entstanden ist ein faszinierendes und tragisches Portr\u00e4t eines hochbegabten Menschen, der mit sich selbst nicht klar kam.<\/p>\n<p>Im vergangenen Jahr ver\u00f6ffentlichte Dagobert Kohlmeyer ein weiteres Buch \u00fcber Fischer: <em>Bobby Fischer: Genie zwischen Ruhm und Wahn<\/em> (Beyer Verlag 2013). In einer Reihe von Aufs\u00e4tzen wird noch einmal der Lebensweg des Helden geschildert. Einmal mehr ist Kohlmeyer zu sehr Fischer-Fan, um zu kritischen Urteilen zu gelangen. Lesenswert ist das Buch dennoch, vor allem wegen der zahlreichen Stimmen, die der Autor von Bekannten und Freunden Fischers wie Peter Leko, Jewgeni Wasjukow, Lothar Schmid oder Susan Polgar eingeholt hat.<\/p>\n<p>Eine Sonderstellung nimmt Garri Kasparow ein, der sich im sechsten Band seiner Reihe <em>Meine gro\u00dfen Vork\u00e4mpfer<\/em> (Edition Olms 2007) mit Samuel Reshevsky, Miguel Najdorf, Bent Larsen und Bobby Fischer besch\u00e4ftigt. Kasparow verbindet die detaillierte Analyse von mehr als 60 Partien mit einer ausf\u00fchrlichen Biographie Fischers. Neues erf\u00e4hrt man hier allerdings nicht und so packend wie bei Brady geht es bei weitem nicht zu. \u00c4rgerlich ist Kasparows nachl\u00e4ssiger Umgang mit Quellen und Zitaten, allzu oft fehlen die Angaben, von wem bzw. woher die angef\u00fchrten Aussagen und Meinungen \u00fcber Fischer stammen. Eigenwillig wirken bisweilen auch die Interpretationen der Bedeutung Fischers. Gleich zu Beginn liest man: \u201eNicht zuf\u00e4llig wurde \u00fcber Robert James Fischer [&#8230;] mehr geschrieben als \u00fcber jeden anderen Schachspieler: Die von ihm vollbrachte Revolution ist mit der Revolution von Steinitz zu vergleichen! In den vorangegangenen hundert Jahren hatte es im Schach keinen zweiten Durchbruch dieser Art gegeben. [&#8230;] Es ist dies der seltene Fall, dass ein Nihilist, ein intellektueller Hippie, der die westliche Gesellschaft verachtet, sich auch dem sowjetischen System entgegenstellt. Fischer balancierte auf der Schneide des ideologischen Kampfes \u2013 daher wurde sein Match gegen Spasski 1972 zum wichtigsten Schachereignis des 20. Jahrhunderts.\u201c (Kasparow, S. 226)<\/p>\n<p>Abgesehen davon, dass (mir) nicht klar ist, was er meint, wenn er den lange sehr religi\u00f6sen Fischer als \u201eNihilist\u201c und \u201eintellektuellen Hippie\u201c bezeichnet, ist die von diesem ausgehende Faszination sicher nicht an eine vielleicht vollbrachte Schachrevolution, sondern an dessen schillernde Pers\u00f6nlichkeit gekn\u00fcpft. Auch an anderen Stellen erscheint Kasparows Wertung der Person und des Schachspielers widerspr\u00fcchlich. So wirft er Fischer einerseits Geldgier vor, andererseits beklagt er, dass dieser seinen Ruhm nicht dazu genutzt habe, Schach popul\u00e4rer zu machen und Sponsoren zu gewinnen \u2013 was Fischer aufgrund seiner Pers\u00f6nlichkeitsstruktur gar nicht konnte.<\/p>\n<p>F\u00fcr Fischers gr\u00f6\u00dftes Verdienst h\u00e4lt Kasparow, dass er das Schach professionalisiert hat, und \u00fcber dessen Leistungen als Schachspieler schreibt er: \u201eViele halten Robert Fischer f\u00fcr den besten Schachspieler des 20. Jahrhunderts. Wom\u00f6glich ist es auch so. \u201aIn so einer kurzen Lebensspanne, die er ungeteilt dem Schach widmete, f\u00fchrte Fischer eine v\u00f6llige Wende in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung dieser erstaunlichen Kunst herbei\u2019, schreibt Taimanow, und ich stimme ihm zu.\u201c (Kasparow, S. 498).<\/p>\n<p>Weniger bombastisch und weniger umfangreich, daf\u00fcr aber sehr entspannt und gut lesbar ist der 47 Seiten lange Essay, den Bent Larsen in seinem 2009 im Verlag SchachDepot erschienenen Buch <em>Alle Figuren greifen an, Band 1<\/em>, \u00fcber Fischer ver\u00f6ffentlicht hat.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/larsen_figurengreifenan.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1465\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/larsen_figurengreifenan.jpg\" alt=\"larsen_figurengreifenan\" width=\"300\" height=\"429\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/larsen_figurengreifenan.jpg 300w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/larsen_figurengreifenan-210x300.jpg 210w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>In lockerem Plauderton zeichnet Larsen hier die Karriere Fischers nach, analysiert eine Reihe von Partien, erz\u00e4hlt Anekdoten \u00fcber die Begegnungen der beiden und gibt kurze Einsch\u00e4tzungen zur PersonFischers ab.<\/p>\n<p><strong>Das schachliche Erbe<\/strong><\/p>\n<p>Den besten Zugang zu Fischers Schach bieten immer noch die oben erw\u00e4hnten <em>60 Denkw\u00fcrdigen Partien<\/em>. Doch nat\u00fcrlich haben sich auch viele andere Autoren mit seinem schachlichem Erbe besch\u00e4ftigt. So ver\u00f6ffentlichte der Holl\u00e4nder Christiaan M. Bijl 1976 im Vermande Schachverlag <em>Die gesammmelten Partien von Robert J. Fischer <\/em>mit einem umfangreichem Indexteil und einigen sch\u00f6nen Fotos.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1458\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/gesammeltepartien_bijl.jpg\" alt=\"gesammeltepartien_bijl\" width=\"300\" height=\"384\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/gesammeltepartien_bijl.jpg 300w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/gesammeltepartien_bijl-234x300.jpg 234w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>2009 folgte der Hamburger Gro\u00dfmeister Karsten M\u00fcller bei Russell Enterprises mit <em>Bobby Fischer. <\/em><em>The Career and Complete Games of the American World Chess Champion<\/em>. Die deutsche Ausgabe <em>Bobby Fischer. Die Karriere und alle Partien des amerikanischen Weltmeisters<\/em> folgte 2010 bei New in Chess. M\u00fcller kommentiert fast jede Partie, die interessantesten besonders ausf\u00fchrlich. Kurze Texte erl\u00e4utern den Hintergrund der Turniere, in denen die jeweiligen Partien gespielt wurden, eine Reihe von Fotos lockern Text und Analysen auf.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1468\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/mueller_fischerscompletegames.jpg\" alt=\"mueller_fischerscompletegames\" width=\"300\" height=\"444\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/mueller_fischerscompletegames.jpg 300w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/mueller_fischerscompletegames-203x300.jpg 203w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Die Klarheit von Fischers Spiel und seine Popularit\u00e4t haben zu einer Reihe von B\u00fcchern gef\u00fchrt, die der Frage nachgehen, was Fischer als Schachspieler auszeichnete, was die typischen Eigenschaften seines Stils waren. Zum Beispiel Elie Agur in <em>Bobby Fischer: His Approach to Chess <\/em>(Cadogan Books 1992), das 1993 unter dem Titel <em>Bobby Fischer: Seine Schachmethode<\/em> im Beyer Verlag erschien. Agur analysiert die nach strategischen und taktischen Motiven geordneten Partien mit Begeisterung, \u00fcberall klingt die Bewunderung des Autors f\u00fcr das Objekt seiner Betrachtungen an. Das f\u00fchrt manchmal zu allzu enthusiastischen Urteilen \u00fcber Fischers Z\u00fcge, macht das Buch aber lebhaft und lesenswert.<\/p>\n<p>Auch Ex-Weltmeister Max Euwe, der zur Zeit des Kampfes in Reykjavik FIDE-Pr\u00e4sident war, hat ein interessantes Buch \u00fcber Fischers Stil geschrieben, in dem er fragt, ob \u201eFischer der gr\u00f6\u00dfte Schachspieler aller Zeiten\u201c war: <em>Fischer und seine Vorg\u00e4nger<\/em> (Edition Jung 2007 [Original 1975], S. 7). Euwe versucht, \u201ebestimmte Aspekte von Fischers Stil zu beleuchten und diese zu vergleichen mit \u00e4hnlichen Aspekten in den Spielen der 3 zuletzt verstorbenen Weltmeister.\u201c (ebendort, S. 7; wie man [nicht nur] an diesem Zitat sieht, gedieh die \u00dcbersetzung mitunter etwas holprig). Euwe bescheinigt Fischer ausgezeichnete er\u00f6ffnungstheoretische Kenntnisse, \u201eein feines positionelles Urteil, unbegrenzte Energie und gro\u00dfe Fechtlust\u201c und urteilt abschlie\u00dfend: Fischer \u201estrebt nach vollst\u00e4ndiger Deutlichkeit, nicht mehr und nichr (sic) weniger\u201c. (ebendort, S. 141).<\/p>\n<p>Jerzy Konikowski und Pit Schulenburg erl\u00e4utern in <em>Fischers Verm\u00e4chtnis: Ein Schachlehrbuch auf der Grundlage der Partien des legend\u00e4ren Bobby Fischer <\/em>(Beyer Verlag 2003) anhand von 73 ausgew\u00e4hlten Partien, wie Fischer den \u201eAngriff auf den K\u00f6nig\u201c gef\u00fchrt hat, was sein \u201ePositionsspiel\u201c auszeichnet sowie seine Kunst in \u201eSpanischen Duellen\u201c und im \u201eEndspiel\u201c. Die Autoren sind bei ihrer Betrachtung n\u00fcchterner und weniger enthusiastisch als Agur, ihnen gelingt eine gute Darstellung einiger strategischer Motive.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1466\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/marin_learn-from-the-legends.jpg\" alt=\"marin_learn from the legends\" width=\"300\" height=\"441\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/marin_learn-from-the-legends.jpg 300w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/marin_learn-from-the-legends-204x300.jpg 204w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Eine sehr gelungene Einzeldarstellung von Fischers St\u00e4rke im Endspiel und seiner Vorliebe f\u00fcr den wei\u00dffeldrigen L\u00e4ufer liefert der renommierte rum\u00e4nische Autor Mihail Marin in seinem 2008 bei Quality Chess erschienenem Buch <em>Von den Legenden lernen: Schachk\u00f6nige im Exkurs<\/em> (die englische Ausgabe \u2013 siehe Cover\u2013 war 2005 ChessCafe.com Book of the Year).<\/p>\n<p>Eine Mischung aus Begeisterung und Kritik bietet das Buch <em>Wie schl\u00e4gt man Bobby Fischer<\/em> des amerikanischen Gro\u00dfmeisters Edmar Mednis, der selbst sieben Mal gegen Fischer gespielt hat (+1, =1, 5). Das Original erschien 1974 in den USA, die deutsche \u00dcbersetzung 1993 im Sportverlag.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1467\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/mednis_howtobeat.jpg\" alt=\"mednis_howtobeat\" width=\"300\" height=\"475\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/mednis_howtobeat.jpg 300w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/mednis_howtobeat-189x300.jpg 189w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>In der Einleitung weist Robert Byrne darauf hin, wie wenig Niederlagen Fischer im Laufe seiner Karriere erlitten hat (61 in 576 Partien) und meint, die Verlustpartien eines Spielers, der so schwer zu schlagen ist, m\u00fcssten lehrreich und interessant sein. So reizvoll dieser Ansatz auch ist, so kann man durchaus geteilter Meinung sein, ob es sinnvoller ist, sich mit den St\u00e4rken oder den Schw\u00e4chen eines guten Spielers zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Was die Betrachtung von Schw\u00e4chen betrifft, ist darin niemand so gr\u00fcndlich und virtuos wie Dr. Robert H\u00fcbner. Und da er meinte, Fischers \u201eschachliche Produkte\u201c seien \u201eallgemach dem Vergessen anheimgefallen\u201c entschloss er sich, \u201eder ber\u00fchmten Partieauswahl von Fischer <em>My 60 Memorable Games<\/em>[&#8230;] Aufmerksamkeit zuzuwenden\u201c. Weiter f\u00fchrt er aus: \u201eDen meisten Kritikern gelten die Anmerkungen Fischers als v\u00f6llig fehlerfrei, und jede seiner Ausf\u00fchrungen wird als verb\u00fcrgte Wahrheit hingenommen. Mich plagte der Wunsch, festzustellen, ob dieser Ruf wirklich gerechtfertigt sei. Leider gibt es nur eine M\u00f6glichkeit, dies nachzupr\u00fcfen: man mu\u00df sich selbst an die Arbeit machen und s\u00e4mtliche Angaben Fischers nachvollziehen. Ich habe sein Kommentierungswerk durchgesehen, um mir zweifelhafte Stellen aufzufinden. Eine solche Durchsicht kann ob der F\u00fclle des Materials nur fl\u00fcchtig ausfallen.\u201c (Dr. Robert H\u00fcbner, <em>Materialien zu Fischers Partien<\/em>, Schachzentrale Rattmann 2004, Einf\u00fchrung).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1460\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/huebner_materialien.jpg\" alt=\"huebner_materialien\" width=\"300\" height=\"420\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/huebner_materialien.jpg 300w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/huebner_materialien-214x300.jpg 214w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>H\u00fcbner beeindruckt wie gewohnt durch Sorgfalt, gedankliche Klarheit, stilistisch brillante Formulierungen und unglaubliche Gr\u00fcndlichkeit. In ausf\u00fchrlicher analytischer Arbeit und gest\u00fctzt durch eine F\u00fclle von Varianten listet H\u00fcbner jede Anmerkung Fischers auf, mit der er nicht einverstanden ist oder die er korrigieren oder erg\u00e4nzen m\u00f6chte. Am Ende folgt eine \u201eZusammenfassende Charakterisierung von Fischers Spielauffassung\u201c: \u201eNat\u00fcrlich ist es unvermeidlich, da\u00df die Bewertungen von meinen eigenen Vorlieben beeinflu\u00dft sind. Au\u00dferdem ist zu ber\u00fccksichtigen, da\u00df die Urteile \u00fcber Fischers Behandlung bestimmter Situationen in der Partie oder Analyse nicht absolut sind, sondern sich aufeinander beziehen. Wo etwas als Mangel dargestellt wird, ist dies im Vergleich mit den anderen schachlichen F\u00e4higkeiten Fischers zu sehen. Nat\u00fcrlich ist die allgemeine Qualit\u00e4t seines Schaffens in jeder Hinsicht sehr hoch. [&#8230;] Ganz herausragend ist die hohe Pr\u00e4zision und die ungew\u00f6hnliche Fehlerfreiheit, welche die Ausf\u00fchrungen Fischers im taktischen Bereich kennzeichnen. [&#8230;] Fischers Spiel wird von stetem Streben nach Aktivit\u00e4t bestimmt. Er besitzt ein besonders feines Gesp\u00fcr f\u00fcr die Gef\u00e4hrlichkeit eines direkten K\u00f6nigsangriffs. [&#8230;] Dennoch wird meines Erachtens die Kraft des Angriffs und die Bedeutung der Initiative von Fischer nicht selten \u00fcbersch\u00e4tzt; dementsprechend untersch\u00e4tzt er die Verteidigungsm\u00f6glichkeiten. [&#8230;] Bemerkenswert ist auch, da\u00df in der Er\u00f6ffnung dem Schwarzen h\u00e4ufig gro\u00dfer Vorteil zugeschrieben wird, wenn Wei\u00df ein wenig zur\u00fcckhaltend gespielt hat, obwohl das Gleichgewicht noch nicht ernsthaft gest\u00f6rt ist. Es scheint mir, da\u00df Fischer im allgemeinen die Remisbreite beim Schachspielen nicht hoch genug veranschlagt.<\/p>\n<p>Hervorstechend ist auch Fischers Wunsch, sowohl in seinen Stellungen wie in seinen Anmerkungen m\u00f6glichst gro\u00dfe Klarheit herbeizuf\u00fchren. Dies ist nat\u00fcrlich im allgemeinen ein positiver Zug, der aber auch zu Nachteilen f\u00fchren kann, wenn er \u00fcbertrieben wird. So scheint mir, da\u00df sich Fischer in feinere Detailfragen bei ruhigen Stellungen nicht mit dergleichen Liebe und Aufmerksamkeit vertieft wie in taktische Wendungen aller Art. [&#8230;] Klarheit gibt Sicherheit. Vielleicht bevorzugt Fischer deutliche Strukturen, weil es ihm bewu\u00dft war, da\u00df sein Gef\u00fchl f\u00fcr die strategischen Erfordernisse einer Stellung weniger gut ausgebildet war als sein taktisches Gesp\u00fcr. \u00d6fter glaube ich unbefriedigende Gestaltung des Bauernger\u00fcstes beobachten zu k\u00f6nnen. [&#8230;] Bisweilen zeigt sich auch ein Mangel bei der Aussch\u00f6pfung der dynamischen M\u00f6glichkeiten einer Stellung, der meist mit der \u00dcbersch\u00e4tzung materieller Werte gepaart geht. Nach alledem ist es nicht verwunderlich, da\u00df Fischer sich bei freiem Figurenspiel besonders wohl f\u00fchlt. Hier kann sich seine gr\u00f6\u00dfte St\u00e4rke \u2013Pr\u00e4zision bei der Berechnung konkreter Varianten \u2013am besten entfalten.\u201c (ebendort, S. 169-171).<\/p>\n<p>Doch so beeindruckend gr\u00fcndlich H\u00fcbners Analysen und so pr\u00e4zise seine Schlussfolgerungen auch ausfallen, beschleicht mich dennoch das Gef\u00fchl, dass zwar jede Kleinigkeit stimmen mag, das Gesamtbild aber verzerrt ist. Seite um Seite sieht man sich mit Kritik an Fischers Spiel und Analysen konfrontiert, meistens n\u00fcchtern, gelegentlich auch mit lakonischer Sch\u00e4rfe vorgetragen. Und bei aller Bewunderung f\u00fcr H\u00fcbners gedankliche Klarheit und seine Bereitschaft zur gr\u00fcndlichen Analyse, die immer wieder fundierte und interessante Ergebnisse hervorbringt \u2013 Begeisterung f\u00fcr Fischers Partien oder auch f\u00fcr das Schach generell wird durch H\u00fcbners konsequente und fast ausschlie\u00dfliche Betonung von Fehlern in Fischers Analysen nicht geweckt. Aber das war wohl auch nicht die Intention des Autors.<\/p>\n<p><strong>Epilog<\/strong><\/p>\n<p>Das letzte Wort \u00fcber Bobby Fischer ist mit diesen B\u00fcchern sicher noch nicht geschrieben. Wer den Fragen, warum Fischer so gut geworden ist, wann und wieso seine geistige Verwirrung einsetzte und was von Fischer als Person und Schachspieler bleibt, weiter nachgehen will, kann das im Internet, in Dokumentarfilmen und der vielf\u00e4ltigen nichtdeutschsprachigen Literatur \u00fcber ihn tun. Die hier vorgestellten B\u00fccher deuten an, dass Fischer so gut wurde, weil er \u2013 wie auch immer er in den Besitz dessen gelangte \u2013 \u00fcber einen enormen Siegeswillen und Kampfgeist verf\u00fcgte und sich von Kindheit an fast ausschlie\u00dflich mit Schach besch\u00e4ftigte. Seine psychischen M\u00e4ngel scheinen \u2013 so weit man das aufgrund von Schilderungen in B\u00fcchern \u00fcberhaupt sagen kann \u2013 zum Teil durch lange Zeiten der Einsamkeit als Kind herzur\u00fchren. Doch was immer man \u00fcber die Widerspr\u00fcche der Person und die menschlichen M\u00e4ngel auch sagen mag, so bleibt sein eindrucksvolles schachliches Erbe. Oder, wie es Bent Larsen sagt: \u201eSie k\u00f6nnen Robert James Fischer nicht verstehen. Aber warum sollte man das auch wollen? Warum erg\u00f6tzt man sich nicht einfach an seinen Partien?\u201c (Larsen, S. 207).<\/p>\n<p>Der Firma <a href=\"http:\/\/schachversand.de\/\">Schach Niggemann<\/a> danke ich f\u00fcr die zur Verf\u00fcgung gestellten Rezensionexemplare.<\/p>\n<p>Erstver\u00f6ffentlichung: <a href=\"http:\/\/www.zeitschriftschach.de\/\">Schach<\/a> (4\/2014), S. 38-47.<\/p>\n<p><strong>Siehe auch:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2016\/06\/19\/wie-bobby-fischer-den-kalten-krieg-gewann-ein-interview-mit-john-eidinow\/\">Wie Bobby Fischer den Kalten Krieg gewann: Ein Interview mit John Eidinow<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2016\/03\/09\/bobby-fischer-hat-geburtstag\/\">Bobby Fischer hat Geburtstag<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2014\/01\/20\/scheinbar-einfach-bobby-fischer-at-his-best\/\">Scheinbar einfach: Bobby Fischer at His Best<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2015\/06\/20\/faszination-fischer\/\">Faszination Fischer<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2015\/06\/20\/botvinnik-gegen-fischer-varna-1962\/\">Mehr als nur eine Schachpartie, Botvinnik gegen Fischer, Varna 1962<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class='sfsi_Sicons' style='width: 100%; display: inline-block; vertical-align: middle; text-align:left'><div style='margin:0px 8px 0px 0px; line-height: 24px'><span><\/span><\/div><div class='sfsi_socialwpr'><div class='sf_subscrbe' style='text-align:left;vertical-align: middle;float:left;width:64px'><a href=\"http:\/\/www.specificfeeds.com\/widgets\/emailSubscribeEncFeed\/Q0FJU2IrL21rdElzb0J1Mnd4UWp5M2JZMHQ5YXBNTW01ZnhPcUtDWnpWVFVEcEgvdGwvUHQ3R2lnWTEyVjh2WmFlaE1KbEw2YnBuZ3hRMFFqNEZoQWgyNFlqRGZydzNJZEFYS3VPMjhCZVNHbFNuNU5qbXI1OGNjeW8zb1dXVlh8aDdxZGtDYTZTaTNPNTZZcENLZXhwbkF0bTlJWFpwWitxQTAwdHRkU3VOdz0=\/OA==\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/plugins\/ultimate-social-media-icons\/images\/follow_subscribe.png\" alt=\"error\" \/><\/a><\/div><div class='sf_fb' style='text-align:left;vertical-align: middle;width:98px'><div class=\"fb-like\" data-href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2015\/03\/09\/bobby-fischer-buecher-ueber-einen-mythos-2\/\" data-width=\"180\" data-send=\"false\" data-show-faces=\"false\"  data-action=\"like\" data-share=\"true\"data-layout=\"button\" ><\/div><\/div><div class='sf_twiter' style='text-align:left;float:left;vertical-align: middle;width:auto'><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" data-count=\"none\" class=\"sr-twitter-button twitter-share-button\" lang=\"en\" data-url=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2015\/03\/09\/bobby-fischer-buecher-ueber-einen-mythos-2\/\" data-text=\"Bobby Fischer: B\u00fccher \u00fcber einen Mythos\" ><\/a><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bobby Fischer wurde am 9. 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