{"id":1391,"date":"2014-08-19T09:21:00","date_gmt":"2014-08-19T07:21:00","guid":{"rendered":"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/?p=1391"},"modified":"2014-08-19T09:21:00","modified_gmt":"2014-08-19T07:21:00","slug":"der-literaturwissenschaftler-als-romanheld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2014\/08\/19\/der-literaturwissenschaftler-als-romanheld\/","title":{"rendered":"Der Literaturwissenschaftler als Romanheld"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1394\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/cover_225.jpg\" alt=\"cover_225\" width=\"138\" height=\"225\" \/>Denke ich an mein Studium zur\u00fcck, erinnere ich mich besonders gerne an das Seminar \u201eDer Literaturwissenschaftler als Romanheld\u201c. Ein sch\u00f6ner Titel, ein ergiebiges Thema. Dozent war Dirk Vanderbeke, mittlerweile Professor f\u00fcr Anglistik an der Universit\u00e4t von Jena. Wir besprachen so unterschiedliche B\u00fccher wie den unterhaltsamen Campusroman <em>Small World<\/em> von David Lodge, Robert M. Pirsigs Klassiker <em>Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten<\/em>, den ich mit 16 begeistert verschlungen hatte, aber beim zweiten Lesen entt\u00e4uschend fand, Italo Calvinos elegantes und \u00fcberaus witziges <em>Wenn ein Reisender in einer Winternacht\u2026<\/em> oder <em>Pale Fire<\/em> von Vladimir Nabokov, ein schwer zug\u00e4ngliches elaboriertes literarisches Versteckspiel. Einmal auf das Seminarthema aufmerksam geworden, st\u00f6\u00dft man \u00fcbrigens auf erstaunlich viele B\u00fccher mit Literaten oder Literaturwissenschaftlerinnen als Hauptfigur. Ein aktuelles Beispiel liefert das vor kurzem erschienene Krimideb\u00fct <em>Die Akademiemorde<\/em> des schwedischen Autors Martin Olczak.<!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Schweden, Akademiemorde, Literaturwissenschaft \u2013 man ahnt, hier spielt der Nobelpreis eine Rolle. Und hat richtig kombiniert. Ausgangspunkt des Romans ist eine Mordserie an den Mitgliedern des Nobelpreiskomitees, die \u00fcber die Vergabe des bedeutendsten Literaturpreises der Welt entscheiden. Ermittelnde Kommissarin ist Claudia Rodriguez, eine Figur wie aus dem Modellbaukasten f\u00fcr Kriminalautoren. 1979 mit ihren Eltern aus Chile nach Schweden gekommen, eigensinnig, attraktiv und als Frau mit chilenischen Wurzeln eine Fremde in der schwedischen Polizei, dazu noch eine Einzelg\u00e4ngerin, die sich gerne \u00fcber Regeln hinwegsetzt. Ein charakteristisches Merkmal, das ihr der Autor verleiht, besteht in ihrer Leidenschaft f\u00fcr Motorr\u00e4der, die sie gut und gerne schnell f\u00e4hrt, das obligate tragische Erlebnis in ihrem Leben ist der Unfall ihres Freundes, der bei einer Polizeiaktion angeschossen wurde und seit \u00fcber einem Jahr im Krankenhaus liegt und k\u00fcnstlich am Leben erhalten wird. Interessante Eigenschaften, die der Roman im weiteren Verlauf der Handlung jedoch nicht vertieft.<\/p>\n<p>Denn in <em>Die Akademiemorde<\/em> geht es nicht um Charakterentwicklungen, sondern um Spannung und Literatur. So st\u00f6\u00dft Rodriguez bei ihrer Suche nach dem M\u00f6rder der Mitglieder des Nobelpreiskomitees bald auf jede Menge literarischer Verweise. Schon bald ist ihr klar, dass eine wichtige Person im Polizeiteam fehlt: ein Literaturwissenschaftler. Zuf\u00e4llig kennt sie eine solche Person, einen alten Liebhaber: Leo Dorfman, ein Antiquar, der so arm ist, dass er in seinem Laden schl\u00e4ft, immer mit der Angst, dabei von seiner Vermieterin entdeckt zu werden.<\/p>\n<p>Doch Dorfman bleibt nicht lange im Fahndungsteam, denn durch interne Machtk\u00e4mpfe in der Ermittlungskommission wird Claudia Rodriguez der Fall bald entzogen \u2013 mit der ausdr\u00fccklichen Anweisung, sich aus dem Fall herauszuhalten. Daran h\u00e4lt sie sich nat\u00fcrlich nicht, sondern verfolgt mit Dorfman weiter Spuren, die die Polizei nicht ernst nimmt. Eine gute Entscheidung der rebellischen Kommissarin, denn eine zentrale Rolle bei der Mordermittlung spielt eine bedeutende Figur der literarischen Welt: August Strindberg. So ereignen sich die Morde nicht zuf\u00e4llig im Mai 2012, unmittelbar vor dem 100-j\u00e4hrigen Todestag des schwedischen Dramatikers, der am 14. Mai 1912 in Stockholm gestorben ist. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/August_Strindberg\">Strindberg<\/a> gilt als einer der produktivsten, einflussreichsten und wichtigsten schwedischen Autoren gilt, trotzdem ging er wie so viele andere bedeutende Schriftsteller bei der Vergabe des Nobelpreises immer leer aus \u2013 was den streitbaren Dramatiker sehr erbittert hat.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1393\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/220px-August_Strindberg.jpg\" alt=\"220px-August_Strindberg\" width=\"220\" height=\"312\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/220px-August_Strindberg.jpg 220w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/220px-August_Strindberg-211x300.jpg 211w\" sizes=\"(max-width: 220px) 100vw, 220px\" \/><br \/>\nAugust Strindberg (<em>Foto: Wikipedia<\/em>)<\/p>\n<p>Literaturwissenschaftler Dorfman wei\u00df solche Dinge nat\u00fcrlich. Und w\u00e4hrend der T\u00e4ter ein ums andere Mal beweist, wie raffiniert er ist und wie tief sein Zorn auf die Mitglieder des Nobelpreiskomitees sitzt, die er umbringt, obwohl sie unter starkem Polizeischutz stehen, kommt das verfemte Ermittlerpaar durch das enzyklop\u00e4dische literarische Wissen von Antiquar Dorfman dem M\u00f6rder schneller auf die Spur als die Polizei. Die M\u00f6rderjagd auf den Spuren Strindbergs gipfelt schlie\u00dflich im obligaten Showdown und einer weniger obligaten \u00fcberraschenden Wendung am Schluss des Romans.<\/p>\n<p>All das ergibt einen zwar konventionell konstruierten, aber spannenden und unterhaltsamen Krimi, bei dem man nebenbei viel \u00fcber die Vergabe des Nobelpreises erf\u00e4hrt. Noch viel mehr jedoch \u00fcber das Leben von Strindberg und die zahlreichen literarischen Fehden, die er im Laufe seines Lebens ausgefochten hat. Und das ist eigentlich spannender und interessanter als die Frage, wer denn nun der M\u00f6rder ist, oder ob und wie es Claudia Rodriguez gelingt, ihre Feinde im Polizeiapparat zu besiegen oder ob Leo Dorfman und Claudia Rodriguez trotz aller Gegens\u00e4tze noch einmal zueinander finden. Die Chancen daf\u00fcr stehen allerdings nicht schlecht, denn die beiden haben sowohl das Zeug zum Liebes- als auch zum Ermittlerpaar. Tats\u00e4chlich kann man ihnen eine gemeinsame gl\u00fcckliche und produktive Zukunft nur w\u00fcnschen. Denn dann darf man sich auf weitere Krimis Olczaks mit einem Literaturwissenschaftler als Romanheld freuen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1392\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/cover_akademiemorde_360.jpg\" alt=\"cover_akademiemorde_360\" width=\"360\" height=\"585\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/cover_akademiemorde_360.jpg 360w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/cover_akademiemorde_360-184x300.jpg 184w\" sizes=\"(max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><br \/>\nMartin Olczak<br \/>\n<em>Die Akademiemorde<\/em><br \/>\nRoman<br \/>\nOriginaltitel: <em>Academi Morden<\/em><br \/>\nOriginalverlag: Norstedts<br \/>\nAus dem Schwedischen von <a href=\"http:\/\/www.randomhouse.de\/Autor\/Gabriele_Haefs\/p10310.rhd;jsessionid=240964F914D40DD268F55D35727951AC.mainworker\">Gabriele Haefs<\/a><\/p>\n<p>Deutsche Erstausgabe<br \/>\nPaperback, 480 Seiten<br \/>\nISBN: 978-3-442-74729-0<br \/>\n12,99 Euro, [D]; 13,40 Euro [A]; 18,90 CHF<\/p>\n<p>Verlag: <a href=\"http:\/\/www.randomhouse.de\/house\/publishinghouse.jsp?pub=2000\">btb <\/a><\/p>\n<p><strong>Klappentextinformationen \u00fcber Martin Olczak<\/strong><\/p>\n<p>Martin Olczak, geboren 1973, wohnt in Stockholm. Er st\u00f6bert leidenschaftlich gerne in Archiven, wo er sich auf die Suche nach geheimnisvollen Geschichten und spannenden Geschehnissen macht. Er ist einer der bekanntesten Jugendbuchautoren Schwedens. <em>Die Akademikermorde<\/em> ist sein erster, in Schweden gefeierter Roman f\u00fcr Erwachsene.<\/p>\n<div class='sfsi_Sicons' style='width: 100%; display: inline-block; vertical-align: middle; text-align:left'><div style='margin:0px 8px 0px 0px; line-height: 24px'><span><\/span><\/div><div class='sfsi_socialwpr'><div class='sf_subscrbe' style='text-align:left;vertical-align: middle;float:left;width:64px'><a href=\"http:\/\/www.specificfeeds.com\/widgets\/emailSubscribeEncFeed\/Q0FJU2IrL21rdElzb0J1Mnd4UWp5M2JZMHQ5YXBNTW01ZnhPcUtDWnpWVFVEcEgvdGwvUHQ3R2lnWTEyVjh2WmFlaE1KbEw2YnBuZ3hRMFFqNEZoQWgyNFlqRGZydzNJZEFYS3VPMjhCZVNHbFNuNU5qbXI1OGNjeW8zb1dXVlh8aDdxZGtDYTZTaTNPNTZZcENLZXhwbkF0bTlJWFpwWitxQTAwdHRkU3VOdz0=\/OA==\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/plugins\/ultimate-social-media-icons\/images\/follow_subscribe.png\" alt=\"error\" \/><\/a><\/div><div class='sf_fb' style='text-align:left;vertical-align: middle;width:98px'><div class=\"fb-like\" data-href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2014\/08\/19\/der-literaturwissenschaftler-als-romanheld\/\" data-width=\"180\" data-send=\"false\" data-show-faces=\"false\"  data-action=\"like\" data-share=\"true\"data-layout=\"button\" ><\/div><\/div><div class='sf_twiter' style='text-align:left;float:left;vertical-align: middle;width:auto'><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" data-count=\"none\" class=\"sr-twitter-button twitter-share-button\" lang=\"en\" data-url=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2014\/08\/19\/der-literaturwissenschaftler-als-romanheld\/\" data-text=\"Der Literaturwissenschaftler als Romanheld\" ><\/a><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Denke ich an mein Studium zur\u00fcck, erinnere ich mich besonders gerne an das Seminar \u201eDer Literaturwissenschaftler als Romanheld\u201c. 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