{"id":1370,"date":"2014-07-22T21:51:47","date_gmt":"2014-07-22T19:51:47","guid":{"rendered":"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/?p=1370"},"modified":"2014-07-22T22:00:49","modified_gmt":"2014-07-22T20:00:49","slug":"schuettelreim-und-schachgedicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2014\/07\/22\/schuettelreim-und-schachgedicht\/","title":{"rendered":"Sch\u00fcttelreim und Schachgedicht"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_1371\" style=\"width: 166px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1371\" class=\"size-full wp-image-1371\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/erich_muehsam.jpg\" alt=\"Erich M\u00fchsam (Foto: Wikipedia)\" width=\"156\" height=\"225\" \/><p id=\"caption-attachment-1371\" class=\"wp-caption-text\">Erich M\u00fchsam (Foto: Wikipedia)<\/p><\/div>\n<p>&#8220;Wer dichten will, der t\u00e4te gut, er macht&#8217; es so, wie Goethe tut!&#8221; lautet ein Sch\u00fcttelreim des deutschen Dichters, Anarchisten und politischen Aktivisten <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erich_M%C3%BChsam\">Erich M\u00fchsam<\/a> (geboren am 6. April 1878 in Berlin, gestorben am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg). Ob M\u00fchsam mit diesen Zeilen seinen eigenen Rat befolgt, ist nicht wirklich wichtig, denn Sch\u00fcttelreimer wollen vor allem mit der Sprache spielen. Sie m\u00f6gen leichte oder auch nicht so leichte Bonmots und waghalsige Wort- und Satzkonstruktionen sind ihnen lieber als l\u00e4hmend schwerer Inhalt. Bereitwillig opfern sie dem geliebten Reimschema Sinn und Tiefe. Das sieht man auch in dem folgenden Schachgedicht von Curt Peiser, einem gro\u00dfen Virtuosen der Gattung.<!--more Zum Gedicht...--><\/p>\n<p><strong>Schachmeisterschaft<\/strong><em><br \/>\nBerliner Illustrierte Zeitung 1925<\/em><\/p>\n<p>Das Schachspiel, das vom Brette winkt,<br \/>\nuns Freuden um die Wette bringt:<br \/>\nman kommt sich dran als Herr vor!<br \/>\nDem einen beut das Schieben Lohn,<br \/>\nund and\u2019re wieder lieben schon<br \/>\nden Kampf um Burg und Sperrfort.<\/p>\n<p>Man schiebt mit raschem Finger dort<br \/>\ndie h\u00fcbsch geschnitzten Dinger fort,<br \/>\nindem man klug den Stein lenkt;<br \/>\ndoch als der gr\u00f6\u00dfte Meister gilt,<br \/>\nwer seines Heeres Geister mild<br \/>\nnach Kampf zum Siege einlenkt.<\/p>\n<p>Das sch\u00f6nste Spiel uns Lasker bot,<br \/>\nder feurig wie ein Basker loht,<br \/>\nihm lacht der Menge Beifall;<br \/>\nspielt nicht der Meister Rubinstein<br \/>\nso sauber und so stubinrein,<br \/>\nda\u00df man in Schw\u00e4rmerei fall\u2019?<\/p>\n<p>Am Schachbrett auch der S\u00e4misch h\u00e4ngt<br \/>\nund alle Gegner h\u00e4misch senkt<br \/>\ner in den Grund \u2013 wie Rheinlachs!<br \/>\nStets rang der wack\u2019re Spielmann z\u00e4h,<br \/>\nwie zu des Sieges Ziel man sp\u00e4h\u2019,<br \/>\nspielt er auch mal zum Schein lax.<\/p>\n<p>Man staunt, wie sich der Reti plagt<br \/>\nder \u00fcber Krethi-Plethi ragt<br \/>\nwie \u00fcbers Haus der Luftschacht:<br \/>\nWenn er durchs Brett den Springer zw\u00e4ngt<br \/>\nund seines Feindes Zwinger sprengt,<br \/>\nvergn\u00fcgt sogar der Schuft lacht!<\/p>\n<p>Ein jeder auf der Lauer bebt,<br \/>\nwie lang ihm Turm und Bauer lebt,<br \/>\nk\u00fchn k\u00e4mpft er wie die Rothaut;<br \/>\nbis vis-\u00e0-vis der starke Held<br \/>\nihm zeigt, wie man \u2018ne Harke stellt<br \/>\nund auf dem Brett ihn tothaut!<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind diese Zeilen ziemlich sinnfrei. Aber es macht Spa\u00df zu sehen, wie Peiser dem Thema Schach unverdrossen und gut gelaunt Zeile um Zeile immer neue Sch\u00fcttelreime abringt und wie ihm dabei das Kunstst\u00fcck gelingt, bekannte Schachmeister ins Spiel zu bringen.<\/p>\n<p>Entdeckt habe ich dieses nette Gedicht auf der Seite <a href=\"http:\/\/www.schuettelreis.de\/index.html#Sch%C3%BCttelreis\">Sch\u00fcttelreis<\/a> von J\u00fcrgen Rehm, die sich ausf\u00fchrlich und mit sichtlichem Vergn\u00fcgen dem Sch\u00fcttelreim widmet. Gleich auf der Startseite gibt Rehm einen guten Rat im Duktus seiner Zunft:<\/p>\n<p>Wenn dich deine Plagen kratzen,<br \/>\nund dir alle Kragen platzen,<br \/>\nschimpf\u2019 doch nicht so hitzig weiter,<br \/>\nbleib\u2019 gelassen, witzig, heiter!<\/p>\n<p>\u00dcber Curt Peiser, den Verfasser des oben zitierten Schachgedichts, wei\u00df man nur wenig. Er nannte sich selbst\u00a0 \u201eTom der Sch\u00fcttelreimer\u201c und Manfred Hankes Buch <em>Die Sch\u00fcttelreimer<\/em>, aus dem Rehm auf seiner Seite zitiert, macht \u00fcber ihn die folgenden knappen biographischen Angaben:<\/p>\n<p>\u201e\u201aTom der Sch\u00fcttelreimer\u2019 war der Breslauer Kaufmann Curt Peiser vom Jahrgang 1877, ein vielseitig begabter, sprachverspielter Mann, der uns auch einige der besten deutschen Limericks schenkte, die \u201eTante aus Tehuantepec\u201c in der fr\u00fchesten Fassung zum Beispiel. Manch Aufgezeichnetes von ihm ist \u00fcberkommen, seine Sch\u00fcttelreime sind es, als Sammlung zumindest, nicht. \u2026 Peiser war \u2026 Jude; sein Auskommen bezog er aus einem Gro\u00dfhandel mit B\u00fcroartikeln in Breslau. Jahrelang hatte Peiser alle Warnungen der Freunde in den Wind geschlagen; der in literarischen Zirkeln hochangesehene Mann hielt sich f\u00fcr ungef\u00e4hrdet, obgleich er schon seit 1932 gesch\u00e4ftlich boykottiert wurde. Sein Hauptlieferant sa\u00df im th\u00fcringischen Zella-Mehlis, wo die Nationalsozialisten damals bereits das Heft in der Hand hatten. Er mu\u00dfte verstummen und wurde schlie\u00dflich ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht. In letzter Minute gelang es b\u00fcrgenden Freunden doch noch, eine Auswanderung einzuleiten. 1939 zog der herzkranke Mann \u00fcber die Schweiz und Italien nach Indien. Er starb in Bombay am 10. M\u00e4rz 1942.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Manfred_Hanke\">Manfred Hanke<\/a>, <em>Die Sch\u00fcttelreimer \u2013 Bericht \u00fcber eine Reimschmiedezunft<\/em>, Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt, 1968, S.43-45.<\/p>\n<p>Weitere, teilweise sehr gelungene, Sch\u00fcttelreime findet man bei <a href=\"http:\/\/de.wikiquote.org\/wiki\/Sch%C3%BCttelreime\">Wikiquote<\/a>.<\/p>\n<div class='sfsi_Sicons' style='width: 100%; display: inline-block; vertical-align: middle; text-align:left'><div style='margin:0px 8px 0px 0px; line-height: 24px'><span><\/span><\/div><div class='sfsi_socialwpr'><div class='sf_subscrbe' style='text-align:left;vertical-align: middle;float:left;width:64px'><a href=\"http:\/\/www.specificfeeds.com\/widgets\/emailSubscribeEncFeed\/Q0FJU2IrL21rdElzb0J1Mnd4UWp5M2JZMHQ5YXBNTW01ZnhPcUtDWnpWVFVEcEgvdGwvUHQ3R2lnWTEyVjh2WmFlaE1KbEw2YnBuZ3hRMFFqNEZoQWgyNFlqRGZydzNJZEFYS3VPMjhCZVNHbFNuNU5qbXI1OGNjeW8zb1dXVlh8aDdxZGtDYTZTaTNPNTZZcENLZXhwbkF0bTlJWFpwWitxQTAwdHRkU3VOdz0=\/OA==\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/plugins\/ultimate-social-media-icons\/images\/follow_subscribe.png\" alt=\"error\" \/><\/a><\/div><div class='sf_fb' style='text-align:left;vertical-align: middle;width:98px'><div class=\"fb-like\" data-href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2014\/07\/22\/schuettelreim-und-schachgedicht\/\" data-width=\"180\" data-send=\"false\" data-show-faces=\"false\"  data-action=\"like\" data-share=\"true\"data-layout=\"button\" ><\/div><\/div><div class='sf_twiter' style='text-align:left;float:left;vertical-align: middle;width:auto'><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" data-count=\"none\" class=\"sr-twitter-button twitter-share-button\" lang=\"en\" data-url=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2014\/07\/22\/schuettelreim-und-schachgedicht\/\" data-text=\"Sch\u00fcttelreim und Schachgedicht\" ><\/a><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Wer dichten will, der t\u00e4te gut, er macht&#8217; es so, wie Goethe tut!&#8221; lautet ein Sch\u00fcttelreim des deutschen Dichters, Anarchisten und politischen Aktivisten Erich M\u00fchsam (geboren am 6. 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