{"id":1260,"date":"2014-03-28T19:57:29","date_gmt":"2014-03-28T18:57:29","guid":{"rendered":"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/?p=1260"},"modified":"2014-03-31T09:47:54","modified_gmt":"2014-03-31T07:47:54","slug":"enttaeuschend-don-winslows-vergeltung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2014\/03\/28\/enttaeuschend-don-winslows-vergeltung\/","title":{"rendered":"Entt\u00e4uschend: Don Winslows \u201eVergeltung\u201c"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1262\" alt=\"vergeltung_cover\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/vergeltung_cover.jpg\" width=\"139\" height=\"225\" \/>Dave Collins, Held von Don Winslows neuem Roman <i>Vergeltung<\/i> ist ein liebevoller Vater und Ehemann. Beruflich hat er fr\u00fcher Menschen umgebracht. Rund um den Globus, als Mitglied der Navy Seals, einer Eliteeinheit der US-Armee, die im wirklichen Leben 2013 mit der T\u00f6tung Osama bin Ladens f\u00fcr Schlagzeilen sorgte. Als sich Collins zu alt f\u00fcr das anstrengende Leben als Elitesoldat f\u00fchlte, schied er aus der Armee aus, um sein Land fortan mit einem Job bei der Flugsicherheit zu sch\u00fctzen. Aber vor allem k\u00fcmmerte er sich um seine Frau Diana und seinen Sohn Jake. Als die bei einem Terroranschlag auf ein amerikanisches Flugzeug sterben, will Collins nur noch eins: <i>Vergeltung<\/i>.<!--more Zur Kritik...--><\/p>\n<p>Die Politik hilft Collins nicht. Er kann zwar beweisen, dass Terroristen das Flugzeug, in dem seine Frau und sein Sohn sa\u00dfen, zum Absturz gebracht haben, doch politische Kr\u00e4fte wollen das vertuschen, um internationale Friedensprozesse nicht zu gef\u00e4hrden. Also sorgt Collins selber f\u00fcr Gerechtigkeit \u2013 oder zumindest f\u00fcr das, was er daf\u00fcr h\u00e4lt. Er beauftragt eine Gruppe von Elites\u00f6ldnern aus aller Welt, um Abdullah Aziz, den Drahtzieher des Flugzeuganschlags, zu finden und zu t\u00f6ten.<\/p>\n<p>Wie sie das machen schildert der Roman mit beinahe rauschhafter Begeisterung f\u00fcr Waffen, technische Ger\u00e4te, starke M\u00e4nner, milit\u00e4rische Rituale, euphemistische Abk\u00fcrzungen, Lust an der Gewalt, viel nationalistischem Pathos und einer undifferenzierten Einteilung der Welt in gut und b\u00f6se.<\/p>\n<p>Der Glaube, f\u00fcr das Gute zu k\u00e4mpfen, dient Collins dabei als Rechtfertigung f\u00fcr die von ihm organisierten T\u00f6tungsorgien auf der ganzen Welt. Wobei er nicht lange dar\u00fcber nachgr\u00fcbelt, wer die B\u00f6sen sind und warum sie B\u00f6ses tun. Denn eigentlich ist diese Frage ganz einfach. Als Amerikaner geh\u00f6rt Collins zu den Guten, w\u00e4hrend die B\u00f6sen die Feinde Amerikas sind. Und B\u00f6ses tun sie, weil, nun ja, weil sie b\u00f6se sind \u2013 die Feinde Amerikas eben.<\/p>\n<p>Einmal aber kommen Collins doch Zweifel. Als Allessandro, einer seiner S\u00f6ldner, bei dem Schlussangriff auf Aziz\u2019 Versteck auf eine Mine tritt und zu sterben droht, steht Collins vor einem Dilemma: \u201eAllessandro kann nur gerettet werden wenn sie die Mission jetzt abbrechen und zum Flugzeug gehen. Ein klarer Deal: Vergeltung oder Allessandros Leben.\u201c (S.436) In diesem Dilemma erinnert sich Collins an seine Frau und seinen Sohn: \u201eH\u00e4tte Diana gewollt, dass du das tust? Einen verwundeten Kameraden sterbend zur\u00fccklassen? Was h\u00e4ttest du Jake erz\u00e4hlt, wenn er dich gefragt h\u00e4tte? Was? Was ist aus dir geworden? Was hat Aziz aus dir gemacht? Er w\u00fcrde es tun \u2013 er w\u00fcrde einen Mann liegen lassen und die Mission zu Ende bringen. Aber irgendwo, denkt Dave, muss es einen Unterschied zwischen uns geben, sonst gewinnen die B\u00f6sen.\u201c (S.436-437)<\/p>\n<p>Collins entschlie\u00dft sich schlie\u00dflich daf\u00fcr, die Aktion abzubrechen. Woraufhin sich Allessandro selbst erschie\u00dft und Aziz doch noch bestraft werden kann. Das klingt\u00a0 pathetisch und ist es auch, aber wenig sp\u00e4ter, als Winslow beschreibt, wie die S\u00f6ldner nach vollbrachter Exekution des Schurken den R\u00fcckzug antreten und dabei die Leichen ihrer Gefallenen retten, setzt Winslow noch einen drauf:<\/p>\n<p>\u201eSechzehn Kilometer weit tragen die ersch\u00f6pften M\u00e4nner ihre gefallenen Kameraden.<br \/>\nSechzehn Kilometer durch den peitschenden, str\u00f6menden Monsun \u2013 tapfere M\u00e4nner, selbst verwundet, tragen sie die Freunde, die sie nicht zur\u00fccklassen wollen.<br \/>\nSie wissen, dass deren Gewicht sie langsamer macht.<br \/>\nWissen, dass die Feinde sie einholen.<br \/>\nWissen, dass sie es vielleicht nicht mehr schaffen werden.<br \/>\nUnd tun es trotzdem.<br \/>\nKeine Wissenschaft kann das erkl\u00e4ren. Keine Biochemie, keine Evolutionsanalyse, keine neue Hirnforschung.<br \/>\nEinzig und allein Menschlichkeit.<br \/>\nErbitterte Loyalit\u00e4t.<br \/>\nAu\u00dfergew\u00f6hnlicher Mut.<br \/>\nEine gr\u00f6\u00dfere Liebe gibt es nicht.\u201c (S.477-478)<\/p>\n<p>So viel Glauben an das Gute in Amerika, an das Gute im Elite-S\u00f6ldner und an die Gerechtigkeit \u00fcberzeugt am Ende auch die politischen Bedenkentr\u00e4ger, die sich in der Stunde der Not doch noch als Patrioten erweisen und Collins und seine M\u00e4nner aus verzweifelter Situation befreien. Amerika gut, Ende gut, alles gut.<\/p>\n<p>So ger\u00e4t<i> Vergeltung<\/i> zu einem undifferenzierten, pathetischen und nationalistischen Lobgesang auf die moralische \u00dcberlegenheit Amerikas. Man wundert sich, dass Don Winslow Autor dieses Buches ist. Winslow, der in Romanen wie <i>Frankie Machine<\/i>, <i>Pacific Private<\/i> und <i>Pacific Paradise<\/i> wunderbar l\u00e4ssige und ambivalente Helden geschaffen hat. Der in <i>Manhattan<\/i> seine Liebe zum Jazz und zu New York zelebriert und die Skrupellosigkeit der amerikanischen Politik beschreibt. Der in <i>Tage der Toten<\/i> die verheerende Vergeblichkeit des amerikanischen Kampfes gegen die Drogen schildert und mehr als einmal bewiesen hat, wie vielschichtig seine Figuren und seine Themen sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In <i>Vergeltung<\/i> sp\u00fcrt man von all dem nichts. Die technische und stilistische Brillanz hat Winslow nicht verloren, aber die holzschnittartigen Charaktere, das hohle Pathos, der Verzicht auf jedwede Gedankentiefe und nicht zuletzt die Verherrlichung von Gewalt, S\u00f6ldnertum und Selbstjustiz machen dieses Buch schwer ertr\u00e4glich.<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnte man meinen, <i>Vergeltung<\/i> sei ein mit technischer Virtuosit\u00e4t verfasstes Psychogramm eines ehemaligen amerikanischen Elitesoldaten, der jede von den USA begangene Scheu\u00dflichkeit mit der moralischen \u00dcberlegenheit Amerikas rechtfertigt, und Winslow lade seine Leser und Leserinnen ein, sich ihre eigene Meinung \u00fcber diesen Geisteszustand zu bilden. Damit bleibt zwar das Bild Don Winslows als Autor intakt, aber leider fehlt dem Buch die n\u00f6tige Distanz zum Erz\u00e4hlten, um dieser These Glaubw\u00fcrdigkeit zu verleihen.<\/p>\n<p>So bleibt <i>Vergeltung<\/i> ein \u00e4rgerliches und entt\u00e4uschendes Buch eines brillanten Autors.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1261\" alt=\"cover_vergeltung\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/cover_vergeltung.jpg\" width=\"186\" height=\"300\" \/><\/p>\n<p>Don Winslow<br \/>\n<i>Vergeltung<\/i><br \/>\n491 Seiten, <a href=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/don-winslow\/vergeltung_1095.html\">Suhrkamp<\/a><br \/>\nD: 14,99\u20ac, A: 15,50\u20ac, CH: 21,90 sFr<br \/>\n\u00dcbersetzung: Conny L\u00f6sch<\/p>\n<p><strong>Und das verr\u00e4t der Klappentext \u00fcber Autor Don Winslow und \u00dcbersetzerin Conny L\u00f6sch:<\/strong><\/p>\n<p><b>Don Winslow<\/b> wurde 1953 in New York geboren. Bevor er mit dem Schreiben begann, verdiente er sein Geld unter anderem als Kinobetreiber, Fremdenf\u00fchrer auf afrikanischen Safaris und chinesischen Teerouten, Unternehmensberater und immer wieder als Privatdetektiv.<\/p>\n<p>Er wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Krimi Preis [International] 2011 f\u00fcr <i>Tage der Toten<\/i>. Sein Roman Savages \u2013 Zeit des Zorns wurde von Oliver Stone verfilmt. Don Winslow lebt mit seiner Frau in Kalifornien.<\/p>\n<p><b>Conny L\u00f6sch<\/b> lebt als Literaturkritikerin und \u00dcbersetzerin in Berlin. Sie hat u. a. B\u00fccher von Ken Bruen, Elmore Leonard und Warren Ellis ins Deutsche \u00fcbertragen.<\/p>\n<div class='sfsi_Sicons' style='width: 100%; display: inline-block; vertical-align: middle; text-align:left'><div style='margin:0px 8px 0px 0px; line-height: 24px'><span><\/span><\/div><div class='sfsi_socialwpr'><div class='sf_subscrbe' style='text-align:left;vertical-align: middle;float:left;width:64px'><a href=\"http:\/\/www.specificfeeds.com\/widgets\/emailSubscribeEncFeed\/Q0FJU2IrL21rdElzb0J1Mnd4UWp5M2JZMHQ5YXBNTW01ZnhPcUtDWnpWVFVEcEgvdGwvUHQ3R2lnWTEyVjh2WmFlaE1KbEw2YnBuZ3hRMFFqNEZoQWgyNFlqRGZydzNJZEFYS3VPMjhCZVNHbFNuNU5qbXI1OGNjeW8zb1dXVlh8aDdxZGtDYTZTaTNPNTZZcENLZXhwbkF0bTlJWFpwWitxQTAwdHRkU3VOdz0=\/OA==\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/plugins\/ultimate-social-media-icons\/images\/follow_subscribe.png\" alt=\"error\" \/><\/a><\/div><div class='sf_fb' style='text-align:left;vertical-align: middle;width:98px'><div class=\"fb-like\" data-href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2014\/03\/28\/enttaeuschend-don-winslows-vergeltung\/\" data-width=\"180\" data-send=\"false\" data-show-faces=\"false\"  data-action=\"like\" data-share=\"true\"data-layout=\"button\" ><\/div><\/div><div class='sf_twiter' style='text-align:left;float:left;vertical-align: middle;width:auto'><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" data-count=\"none\" class=\"sr-twitter-button twitter-share-button\" lang=\"en\" data-url=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2014\/03\/28\/enttaeuschend-don-winslows-vergeltung\/\" data-text=\"Entt\u00e4uschend: Don Winslows \u201eVergeltung\u201c\" ><\/a><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dave Collins, Held von Don Winslows neuem Roman Vergeltung ist ein liebevoller Vater und Ehemann. 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