{"id":1067,"date":"2014-01-27T09:39:45","date_gmt":"2014-01-27T08:39:45","guid":{"rendered":"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/?p=1067"},"modified":"2014-08-11T22:58:32","modified_gmt":"2014-08-11T20:58:32","slug":"lovesoftfun-finnegans-wake-von-james-joyce","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2014\/01\/27\/lovesoftfun-finnegans-wake-von-james-joyce\/","title":{"rendered":"Lovesoftfun: \u201eFinnegans Wake\u201c von James Joyce"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_1068\" style=\"width: 180px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1068\" class=\"size-full wp-image-1068\" alt=\"Foto: Alex Ehrenzweig, Wikipedia\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/170px-James_Joyce_by_Alex_Ehrenzweig_1915_restored.jpg\" width=\"170\" height=\"280\" \/><p id=\"caption-attachment-1068\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Alex Ehrenzweig, Wikipedia<\/p><\/div>\n<p>Manche B\u00fccher sind so ber\u00fchmt, dass man sich damit br\u00fcsten kann, sie nicht gelesen zu haben. So ver\u00f6ffentlichte die <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/\" target=\"_blank\">faz.net<\/a> am 15. Juni 2004 eine \u201eSchriftsteller-Umfrage\u201c mit dem Titel <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/schriftsteller-umfrage-haben-sie-den-ulysses-auch-nicht-gelesen-1164322.html\" target=\"_blank\">\u201eHaben Sie den Ulysses auch nicht gelesen?\u201c<\/a>. Dabei gilt <i>Ulysses<\/i> als eines der bedeutendsten Werke des 20. Jahrhunderts und der Literatur \u00fcberhaupt. Geschrieben hat es der irische Schriftsteller James Joyce (Foto). Acht Jahre hatte er an dem vielschichtigen Buch gearbeitet, doch am 2. Februar 1922, seinem vierzigsten Geburtstag, erkl\u00e4rte er das Werk f\u00fcr beendet. Nach einer l\u00e4ngeren Pause, aber noch im gleichen Jahr, begann Joyce dann die Arbeit an <i>Finnegans Wake<\/i>, seinem letzten Buch, das 1939, zwei Jahre vor seinem Tod, erschien. Auch dieses Buch ist ber\u00fchmt, wurde in mehr als 30 Sprachen \u00fcbersetzt und gilt vielen als wegweisend f\u00fcr die moderne Literatur, aber von Anfang bis Ende gelesen haben es wohl nur wenige. Das hat Gr\u00fcnde.<!--more Weiterlesen...--><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/5777ce21618a42b6833032cd7e098049\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n<p>Die zeigen sich gleich im ersten Satz: \u201eriverrun, past Eve and Adam&#8217;s, from swerve of shore to bend of bay, brings us by a commodius vicus of recirculation back to Howth Castle and Environs\u201c.<\/p>\n<p>Und in diesem Stil geht es weiter, \u00fcber 600 Seiten lang, endlose Satzkaskaden voller W\u00f6rter, die Englisch klingen, aber es nicht immer sind, die Joyce neu geschaffen hat und die oft aus anderen W\u00f6rtern zusammengesetzt sind, wobei herk\u00f6mmliche Regeln von Grammatik und Satzbau sowieso nicht gelten. Ja, eigentlich wei\u00df man nie so recht, wer spricht, wo im Buch man sich befindet und was passiert. So steht im <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Finnegans_Wake\" target=\"_blank\">Wikipedia-Eintrag zu Finnegans Wake<\/a> der bemerkenswerte Satz: \u201eEs ist unter Literaturwissenschaftlern strittig, ob <i>Finnegans Wake<\/i> eine Geschichte erz\u00e4hlt oder nicht.\u201c Sollte es den Experten doch noch gelingen, sich in dieser Frage zu einigen, so kann man doch schon jetzt guten Gewissens und ohne <i>Finnegans Wake<\/i> gelesen zu haben, behaupten, dass der eventuell irgendwann einmal entdeckte Handlungsfaden bestenfalls sehr, sehr d\u00fcnn sein wird.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1069\" alt=\"finneganswake_cover\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/finneganswake_cover.jpg\" width=\"360\" height=\"560\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/finneganswake_cover.jpg 360w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/finneganswake_cover-192x300.jpg 192w\" sizes=\"(max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/p>\n<p>Allerdings geht es in <i>Finnegans Wake<\/i> nicht um Handlung, sondern um Bewusstseinsstr\u00f6me und Assoziationen, die den W\u00f6rtern und S\u00e4tzen in einem unaufh\u00f6rlichen Kreislauf immer neue Bedeutungen verleihen. Und diese Absicht steckt schon im allerersten Wort des Buches \u201eriverrun\u201c: der Strom des Bewusstseins flie\u00dft ohne Ende und Anfang, von den Zeiten Adams und Evas, in einem sich wiederholenden Kreislauf, einer \u201erecirculation\u201c, bis ans Ende der Zeit.<\/p>\n<p>Der letzte Satz des Buches lautet entsprechend \u201ea way a lone a last a loved a long the\u201c \u2013 dann h\u00f6rt er pl\u00f6tzlich auf. Zumindest formell. Denn wenn man nicht darauf besteht, dass ein Buch mit der letzten Seite zu Ende ist und sich \u00fcberlegt, wie dieser unvollst\u00e4ndige Schlusssatz weitergehen k\u00f6nnte, verf\u00e4llt man schnell auf den Gedanken, dass \u201eriverrun, past Eve and Adam\u2019s\u201c gar nicht so schlecht klingt.<\/p>\n<p>Stichwort Klang: Viele Passagen in <i>Finnegans Wake<\/i> klingen ausgesprochen lyrisch und liest man sie laut oder bekommt sie vorgelesen, wirkt das auf den ersten Blick befremdlich bizarre Werk pl\u00f6tzlich sehr harmonisch und die Bedeutung der einzelnen S\u00e4tze und W\u00f6rter erscheint weniger wichtig. Ein guter Einstieg in <i>Finnegans Wake<\/i> ist dann auch eine Lesung. Und wer k\u00f6nnte sein Werk besser vortragen als der Meister selbst: James Joyce?<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"640\" height=\"360\" src=\"\/\/www.youtube.com\/embed\/N60Mo613VSY?feature=player_detailpage\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Zur besseren Orientierung: Die gelesene Szene stellt eine Unterhaltung von zwei Frauen dar, die bei einsetzender D\u00e4mmerung W\u00e4sche an der Liffey waschen, den Fluss, der durch Dublin flie\u00dft.<\/p>\n<p>Aber was soll das alles, k\u00f6nnte man trotzdem fragen. Bei allem lyrischen Wohlklang und bei aller sprachlichen Virtuosit\u00e4t \u2013 warum ein Buch lesen, das keinen klaren Sinn ergibt, das am Ende wieder von vorne beginnt und vielleicht durch ein paar gelungene Sprachspiele unerwartete Assoziationen und Heiterkeit ausl\u00f6st, doch bei dem man leicht in einer Flut von Assoziationen ertrinkt, die durch keinerlei Erz\u00e4hlstrang geordnet oder begrenzt werden?<\/p>\n<p>Nun, vielleicht, weil viele Passagen und Wortsch\u00f6pfungen wie zum Beispiel die \u201ehithering, thithering waters of\u201c hartn\u00e4ckiger im Ged\u00e4chtnis bleiben als so mancher Plot eines spannenden Krimis oder gelungenen Romans. Oder weil S\u00e4tze wie \u201edon\u2019t you know \u2026 that every telling has a taling\u201c in knapper Form und einpr\u00e4gsamer als seitenlange gelehrte Abhandlungen viel \u00fcber das Wesen des Erz\u00e4hlens (telling) verraten, bei dem immer Erfindung und Fabulieren (taling) dabei ist. Oder weil <i>Finnegans Wake<\/i> die Frage stellt, was Literatur eigentlich ist und wie man mit Sprache Welt und Gedanken abbilden kann. Oder welche Rolle das Unbewusste beim Lesen von Literatur und der Konstruktion von Bedeutung spielt.<\/p>\n<p>Oder weil der spielerische Umgang mit Sprache in <i>Finnegans Wake<\/i> einfach Spa\u00df macht, jede Menge Spa\u00df, f\u00fcr manchen sogar \u201eUnendlichen Spa\u00df\u201c oder, mit einem Joyce-Wort, <i>lovesoftfun<\/i>. Dieses sch\u00f6ne Wort mit vielf\u00e4ltiger Bedeutung habe ich allerdings nicht selbst in <i>Finnegans Wake<\/i> entdeckt, sondern in Fritz Senns Buch <i>Nichts gegen Joyce<\/i> gefunden, einem sch\u00f6nen, gut lesbaren Band mit Essays, die einen angenehm unpr\u00e4tenti\u00f6sen Einstieg in die Welt von Joyce bieten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1070\" alt=\"nichts_gegen_joyce\" src=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/nichts_gegen_joyce.jpg\" width=\"360\" height=\"609\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/nichts_gegen_joyce.jpg 360w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/nichts_gegen_joyce-177x300.jpg 177w\" sizes=\"(max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/p>\n<p>Ich selbst verdanke viel von meiner Begeisterung f\u00fcr James Joyce <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Klaus_Reichert_%28Anglist%29\">Prof. Dr. Klaus Reichert<\/a>, bei dem ich in Frankfurt am Main Anglistik studiert habe.<\/p>\n<div class='sfsi_Sicons' style='width: 100%; display: inline-block; vertical-align: middle; text-align:left'><div style='margin:0px 8px 0px 0px; line-height: 24px'><span><\/span><\/div><div class='sfsi_socialwpr'><div class='sf_subscrbe' style='text-align:left;vertical-align: middle;float:left;width:64px'><a href=\"http:\/\/www.specificfeeds.com\/widgets\/emailSubscribeEncFeed\/Q0FJU2IrL21rdElzb0J1Mnd4UWp5M2JZMHQ5YXBNTW01ZnhPcUtDWnpWVFVEcEgvdGwvUHQ3R2lnWTEyVjh2WmFlaE1KbEw2YnBuZ3hRMFFqNEZoQWgyNFlqRGZydzNJZEFYS3VPMjhCZVNHbFNuNU5qbXI1OGNjeW8zb1dXVlh8aDdxZGtDYTZTaTNPNTZZcENLZXhwbkF0bTlJWFpwWitxQTAwdHRkU3VOdz0=\/OA==\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/plugins\/ultimate-social-media-icons\/images\/follow_subscribe.png\" alt=\"error\" \/><\/a><\/div><div class='sf_fb' style='text-align:left;vertical-align: middle;width:98px'><div class=\"fb-like\" data-href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2014\/01\/27\/lovesoftfun-finnegans-wake-von-james-joyce\/\" data-width=\"180\" data-send=\"false\" data-show-faces=\"false\"  data-action=\"like\" data-share=\"true\"data-layout=\"button\" ><\/div><\/div><div class='sf_twiter' style='text-align:left;float:left;vertical-align: middle;width:auto'><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" data-count=\"none\" class=\"sr-twitter-button twitter-share-button\" lang=\"en\" data-url=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2014\/01\/27\/lovesoftfun-finnegans-wake-von-james-joyce\/\" data-text=\"Lovesoftfun: \u201eFinnegans Wake\u201c von James Joyce\" ><\/a><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manche B\u00fccher sind so ber\u00fchmt, dass man sich damit br\u00fcsten kann, sie nicht gelesen zu haben. 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