{"id":459,"date":"2013-06-09T11:34:30","date_gmt":"2013-06-09T09:34:30","guid":{"rendered":"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/?page_id=459"},"modified":"2019-09-06T22:57:19","modified_gmt":"2019-09-06T20:57:19","slug":"mikhail-botwinnik","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/mikhail-botwinnik\/","title":{"rendered":"Mikhail Botwinnik: Der eigensinnige Patriarch"},"content":{"rendered":"<p><em><br \/>\n<\/em>Dieser Beitrag erschien zuerst in <a href=\"http:\/\/www.karlonline.org\/305_2.htm\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">KARL 3\/2005<\/a>, S.12-17.<\/p>\n<p><em>Die Person Michail Botwinnik weckt zwiesp\u00e4ltige Gef\u00fchle. Er ist der Patriarch der sowjetischen Schachschule und sein Beitrag zur Schachgeschichte als Weltmeister, Theoretiker, Autor und Schachlehrer ist von unsch\u00e4tzbarer Bedeutung. Aber da er seit Beginn seiner Karriere die Vorteile politischer Unterst\u00fctzung f\u00fcr sich genutzt hat, haftet ihm auch der Geruch des totalit\u00e4ren Sowjetregimes an. Rivalen soll er unter Druck gesetzt, Konkurrenten soll er ausgebootet und viele seiner Erfolge nur politischer Unterst\u00fctzung zu verdanken haben. Nachfolgend ein \u00dcberblick \u00fcber Leben und Laufbahn des umstrittenen Schachweltmeisters.<\/em><\/p>\n<p><strong>VON JOHANNES FISCHER<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-465\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/Botvinnik-le.jpg\" alt=\"\" width=\"168\" height=\"225\" \/><\/p>\n<p>Geboren wurde Michail Botwinnik sechs Jahre vor Beginn der Sowjetherrschaft, am 17. August 1911 in dem heutigen Repino in der N\u00e4he von St. Petersburg. Glaubt man, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, muss man sich wundern, dass Botwinnik Kommunist geworden ist, denn er stammt aus einer gro\u00dfb\u00fcrgerlichen j\u00fcdischen Familie. Der Vater war Zahnmediziner, die Mutter Zahn\u00e4rztin, und sie verdienten genug, um im Zentrum von St. Petersburg in einer Siebenzimmerwohnung zu leben und sich ein Zimmerm\u00e4dchen und einen Koch als Bedienstete leisten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nach der Oktoberrevolution von 1917 und nachdem Botwinniks Vater die Familie 1920 verlassen hatte, blieb von diesem Wohlstand allerdings nicht mehr viel \u00fcbrig, und Botwinnik lebte mit Bruder und Mutter von den bescheidenen Unterhaltszahlungen, die der Vater leistete. Obwohl wenig Geld da war, sorgte die Mutter \u201etreu daf\u00fcr, da\u00df ihre S\u00f6hne erstens immer satt waren und zweitens eine Ausbildung erhielten\u201c (<em>Michail Botwinnik, Schacherinnerungen, D\u00fcsseldorf: Walter Rau Verlag 1981, S.11<\/em>). Diese Ausbildung trug Fr\u00fcchte, wie Botwinniks Erinnerungen an seine intellektuelle Entwicklung zeigen: \u201eMit acht Jahren begann ich, Zeitungen zu lesen, und wurde \u00fcberzeugter Kommunist\u201c (<em>Schacherinnerungen, S.26<\/em>). Mit neun versuchte er ein Theaterst\u00fcck zu schreiben und kaufte in den Antiquariaten Leningrads russische Klassiker wie Puschkin, Lermontow, Gogol und Turgenjew (<em>vgl. Schacherinnerungen S.7<\/em>). Aber im Herbst 1923 lernte Botwinnik Schach zu spielen und \u201ealles andere trat in den Hintergrund\u201c (<em>Schacherinnerungen, S.12<\/em>).<\/p>\n<p>Wie er sp\u00e4ter klagte, war er mit Zw\u00f6lf eigentlich bereits zu alt, denn \u201edeshalb habe ich zeit meines Lebens langsamer gedacht als meine Gegner, und die haben das gewu\u00dft und ausgenutzt\u201c (<em>Werner Harenberg, Schachweltmeister, Hamburg: Der Spiegel 1982, S.145<\/em>). Trotzdem entwickelte er sich rasch zu einem st\u00e4rksten Spieler Leningrads und der Sowjetunion. 1930 gewann er ein starkes Turnier in Leningrad, ein Jahr sp\u00e4ter belegte er den ersten Platz bei der Sowjetischen Meisterschaft 1931.<\/p>\n<p><strong>DER WEG IN DIE WELTSPITZE<\/strong><br \/>\nEin treuer Kommunist mit enormem Schachtalent &#8211; was konnte dem noch jungen Schachleben in der Sowjetunion Besseres passieren? Folgerichtig genoss Botwinnik von Beginn seiner Laufbahn an die Unterst\u00fctzung politisch einflussreicher F\u00f6rderer. Der wichtigste war Nikolai Krylenko, hochrangiges Mitglied der kommunistischen Partei, der noch von Lenin zum Milit\u00e4rkommissar ernannt worden war. Sp\u00e4ter wurde er Pr\u00e4sident des obersten Gerichtshofs der UdSSR und war ma\u00dfgeblich an allen bedeutenden politischen Prozessen der 20er Jahre beteiligt. 1931 ernannte Stalin Krylenko zum Justizkommissar und in dieser Eigenschaft beteiligte sich Krylenko an den so genannten \u201eGro\u00dfen S\u00e4uberungen\u201c Mitte bis Ende der Drei\u00dfiger Jahre, in denen Stalin Zehntausende von Mitgliedern der kommunistischen Partei, des Volkskomitees und der Roten Armee hinrichten lie\u00df, um m\u00f6gliche Gegenspieler zu eliminieren. Von Krylenko stammt der Satz: \u201eEs gen\u00fcgt nicht die Schuldigen zu erschie\u00dfen, erst wenn man ein paar Unschuldige liquidiert, sind die Leute beeindruckt.\u201c 1938 fiel er den S\u00e4uberungen selbst zum Opfer. Er wurde des Hochverrats bezichtigt und exekutiert.<\/p>\n<p>Botwinnik schreibt \u00fcber Krylenko: \u201e[Er] liebte das Schach leidenschaftlich, spielte Briefschach, nahm an Mannschaftswettbewerben teil, spielte in Versammlungen von Schachspielern, schrieb Artikel, redigierte Schachaufgaben, k\u00fcmmerte<br \/>\nsich r\u00fchrend um Schachmeister, verzieh niemals Angeberei und Mi\u00dfachtung des \u00f6ffentlichen Interesses. Er war ein au\u00dfergew\u00f6hnlich prinzipientreuer Mensch &#8230; und die Interessen des sowjetischen Volkes waren f\u00fcr ihn am wichtigsten. &#8230; Als er die Leitung der sowjetischen Schachorganisation \u00fcbernahm, vollbrachte er die Revolution seiner Generation im sowjetischen Schachleben. Das Schachspiel wurde allen Werkt\u00e4tigen zug\u00e4nglich gemacht, auch unerfahrenen, jungen Menschen. Schachb\u00fccher und -journale erschienen, die gro\u00dfen Massenorganisationen &#8211; Schulen des Kommunismus &#8211; begannen, dem Schachspiel gro\u00dfe Aufmerksamkeit zu schenken. In den Betrieben, in den Schulen, bei den Milit\u00e4reinheiten &#8211; \u00fcberall entstanden Schachzirkel\u201c (<em>Schacherinnerungen, S.18-19<\/em>).<\/p>\n<p>Krylenko sorgte daf\u00fcr, dass Botwinnik sich ganz auf das Schach konzentrieren und sich mit den Besten der Welt messen konnte. Botwinnik erhielt vom Staat nicht nur ein Stipendium, sondern auch ein Auto, damals ein seltenes Privileg, und er durfte zu Turnieren ins Ausland fahren &#8211; sogar in Begleitung seiner Frau, einer Ballettt\u00e4nzerin am Bolschoi-Theater. Bereits Mitte der drei\u00dfiger Jahre hatte sich Botwinnik nach Erfolgen beim Moskauer Turnier 1935 (geteilter erster Platz mit Flohr, vor Lasker und Capablanca), beim Moskauer Turnier 1936 (zweiter Platz hinter Capablanca) und beim Turnier in Nottingham 1936 (geteilter erster Platz mit Capablanca, vor Euwe, Fine, Reshevsky, Aljechin und Flohr) in der Weltspitze etabliert.<\/p>\n<p>Diese Stellung bekr\u00e4ftigte Botwinnik 1938 mit seinem 3. Platz (hinter Keres und Fine) beim AVRO-Turnier in Holland. Ein anderer Kandidat f\u00fcr die Teilnahme am AVRO-Turnier war Grigori L\u00f6wenfisch gewesen, der 1937 einen Wettkampf mit Botwinnik Unentschieden gehalten hatte, und Kortschnoi behauptete sp\u00e4ter, es \u201esei bekannt<br \/>\ngewesen, dass Botwinnik sich in einem Brief an das Zentralkomitee gewandt h\u00e4tte\u201c, um darauf hinzuweisen, dass L\u00f6wenfisch, der unter dem Zaren gro\u00df geworden war, \u201edie Sowjetunion in einem solch prestigetr\u00e4chtigen Turnier nicht vertreten sollte\u201c, (<em>vgl. Andrew Soltis, Soviet Chess 1917-1991, McFarland &amp; Co. 2000, S.121<\/em>).<\/p>\n<p>Nach seinem Erfolg im AVRO-Turnier forderte Botwinnik Aljechin zu einem Weltmeisterschaftskampf heraus. Auch das ging nur mit Genehmigung durch die h\u00f6chsten politischen Stellen, denn Aljechin galt in der Sowjetunion als <em>persona non grata<\/em>, nachdem er das Land 1921 verlassen und sp\u00e4ter in Zeitungsartikeln das politische System der Sowjetunion herabgesetzt hatte. Botwinnik bat deshalb Nikolai Bulganin, den Vorsitzenden des Rats der Volkskommissare, um Hilfe, und erhielt bald darauf ein Telegramm von Wjatscheslaw Molotow, damals Regierungschef der Sowjetunion, das ihn ermutigte, Verhandlungen mit Aljechin aufzunehmen.<\/p>\n<p><strong>ZIELSTREBIG ZUM WM-TITEL<\/strong><br \/>\nDoch der Ausbruch des 2. Weltkriegs zerst\u00f6rte alle Hoffnungen auf einen solchen Weltmeisterschaftskampf, und auch Botwinniks F\u00fchrungsanspruch im Sowjetschach war nicht mehr so klar, nachdem er bei der Sowjetischen Meisterschaft 1940 \u00fcber einen f\u00fcnften Platz nicht hinaus gekommen war. Den ersten Platz teilten Igor Bondarewski und Andr\u00e9 Lilienthal, die laut Reglement einen Stichkampf um den Titel austragen sollten.<br \/>\nDa diese Meisterschaft eigentlich dar\u00fcber entscheiden sollte, wer das Recht hatte, Aljechin herauszufordern, schrieb Botwinnik einen Brief an Wladimir Snegirjow, der nach dem Tod von Krylenko eine wichtige Rolle im Sowjetschach \u00fcbernommen hatte, und meinte, es w\u00e4re \u201eironisch\u201c, wenn Bondarewski &#8211; ein Kosake &#8211; und Lilienthal &#8211; ein ungarischer Immigrant &#8211; um die nationale Meisterschaft spielen d\u00fcrften. Daraufhin kam es zur \u201eAbsoluten Sowjetischen Meisterschaft\u201c &#8211; der ersten und einzigen der Geschichte &#8211; in der sechs der besten sowjetischen Spieler jeweils vier Partien gegeneinander spielen mussten. Botwinnik gewann das Turnier mit 13,5 Punkten aus zwanzig Partien vor Keres, Smyslow und Boleslawski. Die beiden Sieger der weniger absoluten Meisterschaft, Lilienthal und Bondarewski, belegten den vorletzten und letzten Platz.<\/p>\n<p>Nach dem \u00dcberfall der Deutschen auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 hatten die Sowjets allerdings andere Sorgen als die Organisation eines Wettkampfs um die Schachweltmeisterschaft. Botwinnik floh mit seiner Familie vor den Deutschen ins heutige Perm und arbeitete dort f\u00fcr die Energiebeh\u00f6rde des Ural. Aber er verlor sein Ziel nicht aus den Augen: Im Januar 1943 wandte er sich wieder an Molotow, um ihm von seiner Sorge um die Zukunft des sowjetischen Schachs zu berichten, da er, Botwinnik, nicht ausreichend trainieren k\u00f6nne. Daraufhin wies Molotow Botwinniks Arbeitgeber an, diese Sorgen zu lindern und die sowjetische Schachhoffnung zwei Tage die Woche von der Arbeit freizustellen.<\/p>\n<p>Botwinnik nutzte seine Zeit gut und gewann in den folgenden Jahren eine Reihe bedeutender Turniere wie z.B. die Sowjetische Meisterschaft 1944 und das gro\u00dfe internationale Turnier in Groningen 1946, bei dem er Euwe, Smyslow, Najdorf und Boleslawski auf die Pl\u00e4tze verwies.<\/p>\n<p>Nach Ende des Kriegs warb Botwinnik bei den Offiziellen im Sowjetschach erneut um Unterst\u00fctzung f\u00fcr einen Wettkampf mit Aljechin, der sich durch seine Parteinahme f\u00fcr die Nazis w\u00e4hrend des Krieges noch weiter kompromittiert hatte, was Botwinnik jedoch als irrelevant abtat. Trotz starken Widerstands gelang es Botwinnik schlie\u00dflich gr\u00fcnes Licht<br \/>\nf\u00fcr Verhandlungen mit Aljechin zu bekommen. Der Wettkampf sollte in England unter der \u00c4gide der Britischen Schachf\u00f6rderation ausgetragen werden, und am 23. M\u00e4rz 1946 schickte die Britische Schachf\u00f6rderation ein Telegramm an Aljechin, in dem die getroffenen Vereinbarungen best\u00e4tigt wurden. Doch nur einen Tag sp\u00e4ter erlag Aljechin einem Herzinfarkt und der Weltmeisterschaftsthron war verwaist.<\/p>\n<p>Jetzt \u00fcbernahm der Weltschachverbund FIDE die Organisation der Weltmeisterschaften, und das bewog die Sowjets, dort Mitglied zu werden, was sie vorher abgelehnt hatten, da ihnen der neutrale politische Status der FIDE nicht gefiel. Wie wichtig diese Entscheidung f\u00fcr Botwinniks Karriere war, zeigte sich beim FIDE-Kongress 1947. Die Delegierten hatten eigentlich schon beschlossen, den damaligen Vize-Weltmeister Euwe zum neuen Weltmeister zu erkl\u00e4ren, aber die durch Reiseschwierigkeiten versp\u00e4tet eintreffende sowjetische Delegation konnte diesen Beschluss r\u00fcckg\u00e4ngig machen, u.a. auch deshalb, weil sie garantierte, die Sowjetunion w\u00fcrde ein Gro\u00dfteil des Geldes, das zur Ausrichtung eines Turniers um die Weltmeisterschaft n\u00f6tig war, zur Verf\u00fcgung stellen.<\/p>\n<p>So kam es 1948 zum Weltmeisterschaftsturnier Den Haag &#8211; Moskau 1948, in dem<br \/>\nBotwinnik, Smyslow, Keres, Reshevsky und Euwe in je f\u00fcnf Partien gegeneinander um den Titel des Weltmeisters spielten. Das Format des Turniers kam Botwinnik, dessen F\u00e4higkeit zur Vorbereitung auf einzelne Gegner legend\u00e4r war, entgegen, und am Ende siegte er mit 14 Punkten aus 20 Partien mit ganzen drei Punkten Vorsprung auf den zweitplatzierten Smyslow. Mit 36 Jahren war Botwinnik endlich am Ziel: Er war Schachweltmeister.<\/p>\n<p><strong>VERTEIDIGUNG DES TITELS<\/strong><br \/>\nDanach g\u00f6nnte er sich eine dreij\u00e4hrige Pause vom Turnierschach und promovierte in Elektrotechnik. Allerdings w\u00e4re die fehlende Spielpraxis Botwinnik beinahe teuer zu stehen gekommen, als er seinen Titel 1951 erstmals verteidigen musste: Nur mit gro\u00dfer M\u00fche gelang es ihm, den Wettkampf gegen Herausforderer David Bronstein 12:12 Unentschieden zu halten und seinen Titel zu verteidigen.<\/p>\n<p>Allerdings n\u00e4hrten eine Reihe grober Fehler des Herausforderers in entscheidenden Partien Ger\u00fcchte, Bronstein sei gezwungen gewesen, den Kampf zu verlieren. Begr\u00fcndet wurde und wird dies u.a. mit dem Namen des Herausforderers, denn Bronstein lautete auch der Geburtsname Leo Trotzkis, des gro\u00dfen Widersachers von Stalin, den der sowjetische Diktator 1940 im mexikanischen Exil ermorden lie\u00df; oder damit, dass Bronstein, dessen Vater als politischer H\u00e4ftling im Gulag sa\u00df, in den Augen der Offiziellen kein angemessener Repr\u00e4sentant der Sowjetunion war.<\/p>\n<p>\u00c4hnliche Ger\u00fcchte waren aufgetaucht, als Keres bei der Absoluten Meisterschaft der UdSSR und beim Turnier in Groningen 1948 eine Partie nach der anderen gegen Botwinnik verloren hatte. Botwinnik berichtet in seinen Erinnerungen zwar, dass ihm wiederholt von offizieller Seite angetragen wurde, sich einverstanden zu erkl\u00e4ren, Partien seiner Konkurrenten manipulieren zu lassen, behauptet jedoch, dass er solche Angebote stets energisch zur\u00fcckgewiesen h\u00e4tte. Tats\u00e4chlich lassen sich weder im Falle von Keres noch im Falle von Bronstein Belege daf\u00fcr finden, dass Botwinnik je versucht h\u00e4tte, Partien durch direkten Druck auf seine Rivalen zu seinen Gunsten zu entscheiden.<\/p>\n<p>Ganz ohne politische Hilfe war Bronstein \u00fcbrigens auch nicht. Sein einflussreichster Fan war Boris Wainstein, f\u00fchrendes Mitglied des NKWD, der Vorl\u00e4uferorganisation des KGB, Musikliebhaber, Schachfan und Autor des Buches David Bronstein: <em>Chess Improviser<\/em>. Hartn\u00e4ckig halten sich auch Ger\u00fcchte, Wainstein sei in Wahrheit der Autor von Bronsteins Buch \u00fcber das Kandidatenturnier Z\u00fcrich 1953, das viele Schachspieler f\u00fcr eines der besten Turnier- und Schachb\u00fccher aller Zeiten halten.<\/p>\n<p>In jedem Fall zog Botwinnik seine Lehren aus dem Beinahdebakel gegen Bronstein und spielte wieder \u00f6fter. Aber als er seinen Titel beim Weltmeisterschaftskampf 1954 gegen Smyslow erneut nur mit einem 12:12 Unentschieden knapp verteidigen konnte, sp\u00fcrte er, dass die Luft an der Spitze f\u00fcr ihn allm\u00e4hlich d\u00fcnner wurde und griff wie so oft auf die Unterst\u00fctzung einflussreicher Kr\u00e4fte zur\u00fcck. So r\u00e4umte die FIDE 1956, unmittelbar nach dem Sieg Smyslows im Kandidatenturnier, dem amtierenden Weltmeister nach einem verlorenen Titelkampf das Recht auf einen R\u00fcckkampf ein. Vizepr\u00e4sident der FIDE war damals Wjatscheslaw Ragosin, enger Freund und langj\u00e4hriger Trainingspartner Botwinniks.<\/p>\n<p>Wie sehr diese Regelung Botwinnik zugute kam, zeigten die kommenden Jahre. 1957 verlor Botwinnik seinen Titel an Smyslow, aber nur ein Jahr sp\u00e4ter gewann er ihn mit einem Sieg im R\u00fcckkampf zur\u00fcck. Das gleiche Spiel wiederholte sich 1960 und 1961 mit Michail Tal. Botwinnik verlor den WM-Kampf 1960 und gewann den R\u00fcckkampf 1961. Dann jedoch hob die FIDE das Recht des Weltmeisters auf einen R\u00fcckkampf wieder auf, und 1963 verlor Botwinnik seinen Titel endg\u00fcltig an Tigran Petrosian. Danach spielte Botwinnik noch ein paar Jahre erfolgreich in einer Reihe von Turnieren und Mannschaftswettbewerben, bis er sich 1970 endg\u00fcltig vom aktiven Schach zur\u00fcckzog. Mit kurzen Unterbrechungen war er von 1948 bis 1965 Weltmeister gewesen und sp\u00e4testens seit Mitte der drei\u00dfiger Jahre hatte er zu den besten Spielern der Welt geh\u00f6rt. Seine Turnierergebnisse aus den 40er Jahren lassen vermuten, dass er ohne den Zweiten Weltkrieg schon sehr viel fr\u00fcher h\u00e4tte Weltmeister werden k\u00f6nnen. Aber nachdem er sp\u00fcrte, dass seine Kraft nicht mehr ausreichte, um Spitzenschach zu spielen, konzentrierte sich Botwinnik auf die Entwicklung eines Schachcomputers und die F\u00f6rderung der besten sowjetischen Nachwuchsspieler in einer von ihm geleiteten Schachschule.<\/p>\n<p><strong>SCHACHLEHRER BOTWINNIK<\/strong><br \/>\nMit seinem Schachcomputer war Botwinnik allerdings kein Erfolg beschieden. Er versuchte, ein Programm zu entwickeln, das seine Z\u00fcge analog zur menschlichen Entscheidungsfindung am Schachbrett w\u00e4hlte, oder, anders ausgedr\u00fcckt, ein Programm, das so spielen sollte wie Botwinnik. Aber obwohl Botwinnik in vielen Interviews \u00fcber den Nutzen eines solches Programms philosophierte und erkl\u00e4rte, welche Fortschritte seine Arbeit daran machen w\u00fcrde, stellte er es nie fertig.<\/p>\n<p>Botwinniks Einfluss als Schachlehrer ist jedoch enorm. Von fr\u00fcher Jugend an hatte er sich Gedanken gemacht, wie er sein Schach verbessern k\u00f6nnte und typische Trainingsmethoden entwickelt, die er als Basis seiner Erfolge begriff.<br \/>\nBotwinnik sah sich als Forscher, der an das Schach wissenschaftlich heranging. Sein Credo war die Analyse: \u201eEin Schachspieler sollte analysieren, und zwar viel und nichts kann die Analyse ersetzen\u201c (<em>Genna Sosonko, Russian Silhouettes, Alkmaar: New in Chess 2001, S.42<\/em>).<\/p>\n<p>Wichtig war Botwinnik dabei vor allem die kritische Betrachtung der eigenen Partien. Sie gab Aufschluss \u00fcber eigene Schw\u00e4chen, die anschlie\u00dfend systematisch \u00fcberwunden werden konnten. Diese F\u00e4higkeit zur Selbstkritik bildete die Voraussetzung f\u00fcr seine Erfolge in den Revanchek\u00e4mpfen gegen Smyslow und Tal. War er 1960 beim ersten Kampf gegen Tal z.B. noch regelm\u00e4\u00dfig in Zeitnot gekommen und hatte Partien verloren, weil Tals Rechenk\u00fcnste und dessen Gef\u00fchl f\u00fcr Figurenspiel in offenen Stellungen gut zum Tragen kamen, geriet Botwinnik im R\u00fcckkampf 1961 selten in Zeitnot und strebte geschlossene Stellungen an, in denen er sich besser zurechtfand als Tal.<\/p>\n<p>Botwinniks analytische F\u00e4higkeiten zeigten sich auch in seiner Er\u00f6ffnungsvorbereitung. Er versuchte nicht nur, in einzelnen Varianten Verbesserungen zu finden, sondern entwickelte Systeme, in denen es nicht nur darauf ankam, einzelne Z\u00fcge zu kennen, sondern darauf, die Stellung zu begreifen. Und hier sicherten Botwinnik seine Analysen einen jahrelangen Wissensvorsprung vor seinen Konkurrenten.<\/p>\n<p>Botwinnik trainierte fanatisch und richtete seinen gesamten Tagesablauf, ja, seinen gesamten Lebenswandel auf Erfolg im Schachspiel aus. Seit seiner Jugend machte er mit religi\u00f6sem Eifer Morgengymnastik und noch im hohen Alter verbl\u00fcffte er Vertraute durch pl\u00f6tzlichen Kopfstand oder gymnastische \u00dcbungen im Fahrstuhl. Er rauchte und trank nicht, und hielt sich bei Turnieren und Wettk\u00e4mpfen strikt an einen bestimmten Tagesplan. Nach dem Aufstehen unternahm er einen Spaziergang &#8211; stets die gleiche Strecke, um durch neue Eindr\u00fccke keine Energie zu verlieren &#8211; dann rekapitulierte er 20 bis 25 Minuten die Varianten, die er f\u00fcr die Partie vor dem Turnier vorbereitet hatte, a\u00df zu Mittag, und legte sich anschlie\u00dfend anderthalb Stunden hin, ohne jedoch zu schlafen, um so den Kopf freizubekommen. Auch zum Turniersaal ging er jeden Tag die gleiche Strecke zu Fu\u00df, um sich dann ans Brett zu setzen und all die angestaute Energie auf die Partie zu konzentrieren. Er spielte nur eine bestimmte Anzahl von Partien pro Jahr und Blitzschach prinzipiell nicht. Aber nicht, weil er sich schonen wollte. Im Gegenteil: So lie\u00df er sich z.B., um gegen rauchende Gegner und Zuschauer gewappnet zu sein, in Trainingspartien Rauch ins Gesicht blasen oder stellte dabei das Radio an, um sich auf m\u00f6glichen L\u00e4rm im Turniersaal vorzubereiten.<\/p>\n<p>In seiner Autobiographie und in zahlreichen anderen Ver\u00f6ffentlichungen erl\u00e4uterte Botwinnik seine Arbeitsmethoden, die er als ideale Form des Trainings ansah. Der Einfluss dieser Methoden auf Generationen von Schachspielern in der Sowjetunion und im Westen ist ungeheuer gro\u00df und Botwinniks Postulate trugen ma\u00dfgeblich zum modernen Verst\u00e4ndnis von Er\u00f6ffnungsstudium und Schachtraining bei. In seiner Schachschule unterrichtete Botwinnik die gr\u00f6\u00dften Nachwuchstalente der Sowjetunion, und Spieler wie Karpow, Jussupow, Kasparow, Kramnik und Schirow, um nur die ber\u00fchmtesten zu nennen, haben von ihm gelernt. Aber Botwinniks bester Sch\u00fcler ist zweifelsohne Garry<br \/>\nKasparow. Botwinnik unterrichtete ihn an seiner Schule von 1973 bis 1978, blieb danach aber sein Mentor und Berater. Er besorgte dem jungen Talent Einladungen zu starken Turnieren und k\u00fcmmerte sich um Kasparows schachliche Ausbildung. Mit Erfolg. Kasparows Trainingseifer \u00e4hnelte dem seines Mentors und wie Botwinnik gilt Kasparow als Meister der genauen und tiefen Er\u00f6ffnungsvorbereitung. Am Ende zerstritten sie sich jedoch, da sie \u00fcber die politische Entwicklung in der Sowjetunion geteilter Meinung waren.<\/p>\n<p><strong>FESTE \u00dcBERZEUGUNGEN<\/strong><br \/>\nDenn Botwinnik blieb bis zum Ende seines Lebens Kommunist und noch in den neunziger Jahren sagte er \u00fcber Stalin: \u201eLetzten Endes war Stalin nicht nur eine Negativfigur, er spielte eine Doppelrolle. Er st\u00e4rkte den Staat, und obwohl die Leute in Armut lebten, unterst\u00fctzte die Mehrheit ihn. Ich glaube nicht wirklich an die Zahl von angeblich zehn Millionen Todesopfern unter Stalin. Es gab Lager, nat\u00fcrlich, aber viele kehrten aus den Lagern zur\u00fcck, sehr viele, darunter viele meiner Freunde. &#8230; Obwohl Stalin seine \u00dcbeltaten nat\u00fcrlich sehr geschickt zu verbergen wusste\u201c (<em>Russian Silhouettes, S.44<\/em>).<\/p>\n<p>Aber trotz seiner Linientreue und seiner Bereitschaft, politischen Einfluss zur Unterst\u00fctzung seiner Schachkarriere zu nutzen, war Botwinnik kein politischer Opportunist. Davor bewahrte ihn seine geistige Eigenst\u00e4ndigkeit und sein Selbstbewusstsein. So schreibt Schamkowitsch \u00fcber das Verh\u00e4ltnis zwischen Krylenko und Botwinnik: \u201eKrylenko sympathisierte sehr mit Botwinnik und betrachtete ihn mit einem gewissen Respekt und sogar Achtung. W\u00e4hrend sich die Leute bei dem m\u00e4chtigen Volkskommissar einschmeicheln wollten (sie hatten t\u00f6dliche Angst vor ihm), behandelte Botwinnik ihn von gleich zu gleich. Er bewahrte stets seine Unabh\u00e4ngigkeit, was ihn nicht daran hinderte, ziemlich flexibel und vorsichtig zu sein. Aber nie tat er<br \/>\netwas Gemeines und er wurde auch nicht zum Kriecher, was ihn von vielen Anderen deutlich unterschied &#8230;. Dies l\u00e4sst sich kaum durch seinen besonderen pers\u00f6nlichen Mut erkl\u00e4ren, sondern es war einfach so, dass er sich seines Werts bewusst war und bis zu einem gewissen Grad sp\u00fcrte er seine eigene Unentbehrlichkeit: sie konnten verhaften, wen sie wollten, aber bei ihm war das schwieriger &#8211; es gab keinen zweiten Botwinnik im Land!\u201c (zitiert in <em>Garry Kasparov, My Great Predecessors, II, S.121<\/em>, Meine \u00dcbersetzung).<\/p>\n<p>M\u00f6glich, dass es keinen zweiten Botwinnik gab, aber das Schicksal Krylenkos und vieler hochrangiger Offiziere der Roten Armee und einflussreicher Parteimitglieder war Warnung genug, dass es jeden treffen konnte. Um so bemerkenswerter ist, dass Botwinnik bei einer Unterschriftensammlung, die Teil der Verfolgung j\u00fcdischer \u00c4rzte durch Stalin Anfang der f\u00fcnfziger Jahre war, sich weigerte, einen denunziatorischen Aufruf zu unterzeichnen &#8211; er beharrte auf seiner Unabh\u00e4ngigkeit und verwies darauf, dass er selber Briefe schreiben konnte. Auch 1976, als die f\u00fchrenden Vertretern des sowjetischen Schachs einen gegen Kortschnoi gerichteten Aufruf unterzeichnen sollten, weigerte sich Botwinnik, diese Petition zu unterschreiben.<\/p>\n<p>Die Kehrseite von Botwinniks geistiger Unabh\u00e4ngigkeit waren Verfolgungswahn und Starrsinn. Botwinnik f\u00fcrchtete selbst von langj\u00e4hrigen Freunden und Vertrauten Verrat. Beim WM Kampf 1951 gegen Bronstein musste Botwinnik in der entscheidenden 23. Partie den Abgabezug machen. Als die Analyse der H\u00e4ngepartie anstand, teilte er seinem Freund und Sekundanten Salo Flohr den Abgabezug mit, und bat ihn, sich die Stellung anzuschauen. Flohr blieb die ganze Nacht auf und analysierte, aber am n\u00e4chsten Tag, kurz vor Wiederaufnahme der Partie, erkl\u00e4rte Botwinnik, er h\u00e4tte einen anderen Zug abgegeben. (<em>Vgl. Genna Sosonko, The Reliable Past, Alkmaar: New in Chess 2003, S.166-167<\/em>).<\/p>\n<p>Auch Botwinniks Starrsinn war legend\u00e4r. Sosonko schreibt: \u201eWenn er einmal eine Entscheidung gef\u00e4llt hatte, wich er nicht davon ab\u201c (<em>Russian Silhouettes, S.46<\/em>); Awerbach, den Botwinnik vor seinem Wettkampf gegen Smyslow 1957 zu einem Trainingsmatch eingeladen hatte, berichtet, dass Botwinnik ein Mensch war, mit dem umzugehen nicht leicht fiel und erg\u00e4nzt: \u201eWenn man ein guter Zuh\u00f6rer war, war alles okay\u201c (<em>Soltis, S.236<\/em>). Und Schamkowitsch schildert ihn so: \u201eEin auff\u00e4lliges Merkmal von ihm waren seine kalten, durchdringenden Augen. Wenn Botwinnik etwas wollte oder verlangte, dann war es unm\u00f6glich, ihn dazu zu bringen, von dieser Forderung abzur\u00fccken. Es war nicht so, dass er ein unwiderlegbares Argument vorbrachte; nein, er besa\u00df einfach die F\u00e4higkeit, eisern auf seinem Standpunkt zu beharren.\u201c (zit. in <em>Kasparov, My Great Predecessors, II, S.208<\/em>, Meine \u00dcbersetzung).<\/p>\n<p>Zum Ende seines Lebens fragte Sosonko Botwinnik, ob er Dinge bedauern w\u00fcrde, die er falsch gemacht h\u00e4tte. Botwinnik antwortete: \u201eManchmal habe ich bei<br \/>\nKleinigkeiten dumme Entscheidungen gef\u00e4llt, aber ich habe daraus gelernt, und deshalb kann ich ganz generell sagen, nein, ich bedaure nichts\u201c (<em>Russian Silhouettes, S.45<\/em>).<br \/>\nBotwinnik starb am 5. Mai 1995.<\/p>\n<p>Siehe auch:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/2015\/06\/20\/botvinnik-gegen-fischer-varna-1962\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Mehr als nur eine Schachpartie: Botvinnik gegen Fischer, Schacholympiade Varna 1962<\/a><\/p>\n<div class='sfsi_Sicons' style='width: 100%; display: inline-block; vertical-align: middle; text-align:left'><div style='margin:0px 8px 0px 0px; line-height: 24px'><span><\/span><\/div><div class='sfsi_socialwpr'><div class='sf_subscrbe' style='text-align:left;vertical-align: middle;float:left;width:64px'><a href=\"http:\/\/www.specificfeeds.com\/widgets\/emailSubscribeEncFeed\/Q0FJU2IrL21rdElzb0J1Mnd4UWp5M2JZMHQ5YXBNTW01ZnhPcUtDWnpWVFVEcEgvdGwvUHQ3R2lnWTEyVjh2WmFlaE1KbEw2YnBuZ3hRMFFqNEZoQWgyNFlqRGZydzNJZEFYS3VPMjhCZVNHbFNuNU5qbXI1OGNjeW8zb1dXVlh8aDdxZGtDYTZTaTNPNTZZcENLZXhwbkF0bTlJWFpwWitxQTAwdHRkU3VOdz0=\/OA==\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/plugins\/ultimate-social-media-icons\/images\/follow_subscribe.png\" alt=\"error\" \/><\/a><\/div><div class='sf_fb' style='text-align:left;vertical-align: middle;width:98px'><div class=\"fb-like\" data-href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/mikhail-botwinnik\/\" data-width=\"180\" data-send=\"false\" data-show-faces=\"false\"  data-action=\"like\" data-share=\"true\"data-layout=\"button\" ><\/div><\/div><div class='sf_twiter' style='text-align:left;float:left;vertical-align: middle;width:auto'><a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" data-count=\"none\" class=\"sr-twitter-button twitter-share-button\" lang=\"en\" data-url=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/mikhail-botwinnik\/\" data-text=\"Mikhail Botwinnik: Der eigensinnige Patriarch\" ><\/a><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Beitrag erschien zuerst in KARL 3\/2005, S.12-17. 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