{"id":3000,"date":"2018-12-30T09:25:14","date_gmt":"2018-12-30T08:25:14","guid":{"rendered":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/?page_id=3000"},"modified":"2019-01-06T17:00:06","modified_gmt":"2019-01-06T16:00:06","slug":"romananfang-18-bruce-chatwin-in-patagonien","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/romananfang-18-bruce-chatwin-in-patagonien\/","title":{"rendered":"Romananfang 18 \u2013 Bruce Chatwin &#8220;In Patagonien&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Ich lese gerne Rezensionen, B\u00fccher \u00fcber B\u00fccher, Essays \u00fcber Literatur, Portr\u00e4ts und Biographien von Autorinnen und Autoren, und nat\u00fcrlich auch Interviews, in denen Schriftsteller und Schriftstellerinnen \u00fcber ihre B\u00fccher und ihre Arbeit berichten. Oft denke ich dabei: \u201eDas klingt gut, das ist interessant, dieses Buch m\u00f6chte ich lesen, diese Autorin und diesen Autor kennenlernen.\u201c<\/p>\n<p>Und ich wei\u00df noch genau, wie ich im Fr\u00fchjahr 1990, ich wohnte damals noch in Frankfurt, in einer Wohnung in einem Haus, das mittlerweile abgerissen ist, im <em>Spiegel<\/em> ein von Rainer Traub geschriebenes Portr\u00e4t des englischen Schriftstellers Bruce Chatwin mit dem Titel <em><a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-13499796.html\">Ein Nomade der Literatur<\/a><\/em> gelesen habe. Der Artikel war im typischen Spiegel-Duktus geschrieben und ich war von Anfang an gefesselt:<\/p>\n<blockquote><p>Auf den Fotografien, die von Bruce Chatwin ein Jahr nach seinem fr\u00fchen Tod geblieben sind, sieht dem Betrachter ein schlanker, sportlicher, gutaussehender Mann entgegen, der mit Mitte 40 noch wie ein Twen wirkt und den die ausgebleichten Jeans der Globetrotter-Kluft oder die Rennrad-Montur ebensogut kleiden wie der Gesellschaftsanzug. Kaum einer von denen, die Chatwin begegneten, konnte sich der Faszination entziehen, die von ihm ausging.<\/p>\n<p>\u201eEr trat\u201c, schreibt ein enger Freund, der Schriftsteller Gregor von Rezzori, \u201eunter Menschen in einer gleichsam goldenen Jugendlichkeit auf, lebendig und unterhaltsam, unersch\u00f6pflich anekdotenreich, blendend in der Konversation, rege anteilnehmend an allem Wissenswerten \u2013 und dabei nicht festzuhalten, fl\u00fcchtig wie ein Elfenwesen; sein Blick ging immer \u00fcber die Schulter seines Gegen\u00fcbers weg, er schien niemals ganz gegenw\u00e4rtig zu sein und dabei leicht und neckend wie Peter Pan.\u201c &#8230;<br \/>\nDabei war er, umfassend belesen und jeder Zoll ein britischer Gentleman, ein umworbener Gast der geistigen und k\u00fcnstlerischen Elite in aller Welt. Aber so \u00fcberraschend, wie er in den Salons von Paris oder Melbourne, von Kapstadt oder New York auftauchte, so pl\u00f6tzlich pflegte er auch wieder zu verschwinden, um sich in die entlegensten Winkel der Erde aufzumachen \u2013 ausger\u00fcstet mit nichts als einem Paar Stiefel und einem Rucksack, in dem zuoberst die Notizb\u00fccher Platz finden mu\u00dften.<\/p><\/blockquote>\n<p>Nachdem ich den Artikel zu Ende gelesen hatte, ging ich sofort in die Frankfurter Innenstadt, um in der Buchhandlung mit dem besten Angebot an englischen B\u00fcchern alle B\u00fccher von Chatwin zu kaufen oder zu bestellen, die es gab. Solche Impulse f\u00fchren gerne zu Stapeln oder Regalen voller ungelesener B\u00fccher, aber bei Chatwin blieb meine Begeisterung ungebrochen. In den folgenden Tagen und Wochen las ich ein Buch von Chatwin nach dem anderen, sp\u00e4ter auch die von Nicholas Shakespeare verfasste Biographie <em>Bruce Chatwin<\/em>, <em>Chatwins Rucksack: Portr\u00e4ts, Gespr\u00e4che, Skizzen<\/em> oder <em>Mit Chatwin<\/em>, die Erinnerungen von Chatwins Lektorin Susannah Clapp.<\/p>\n<p>Ich war ein Fan und bin es immer noch. Ich mag Chatwins Art zu schreiben, die klare, pr\u00e4zise, n\u00fcchterne Sprache, seine genauen Beobachtungen, sein Sinn f\u00fcr ungew\u00f6hnliche Menschen und Geschichten und die innere Spannung, die seine B\u00fccher durchzieht.<\/p>\n<p>Der zitierte Romananfang stammt aus Chatwins erstem Roman <em>In Patagonien<\/em>, der 1977 erschien, als Chatwin Mitte 30 war und schon einiges erlebt hatte. Chatwin wurde am 13. Mai 1940 als Sohn eines Marineoffiziers in Sheffield geboren und verbrachte seine Schulzeit \u00fcberwiegend in englischen Internaten. Nach dem Ende der Schule machte er schnell eine erste Karriere, die jedoch bald zu einer Krise f\u00fchrte. Traub schreibt:<\/p>\n<blockquote><p>Aufgrund einer au\u00dfergew\u00f6hnlichen visuellen Begabung trat Chatwin mit 18 Jahren in die Dienste des ber\u00fchmten Londoner Kunstauktionshauses \u201eSotheby\u201c, wo er binnen kurzem vom Laufburschen zum Impressionismus-Experten aufstieg, zum j\u00fcngsten Direktor, den Sotheby je hervorbrachte.<br \/>\nSchnell jedoch wurde er dieser Karriere \u00fcberdr\u00fcssig. Die Atmosph\u00e4re des Kunsthandels mit all seinen teuren, toten Objekten erinnerte ihn \u201ean ein Leichenschauhaus\u201c. Mit 24 Jahren f\u00fchlte er sich ausgebrannt. Nachdem er eines Morgens nach anstrengenden Verhandlungen in New York halb blind erwacht war, empfahl ihm der Augenarzt, die offenbar psychosomatische Erkrankung mit einem zeitweiligen Wechsel in \u201eweite Horizonte\u201c zu kurieren. Bruce Chatwin brach nach Afrika auf, in den Sudan \u2013 und entdeckte endlich seine wahre Bestimmung: das selbstgen\u00fcgsame Wanderleben der Nomaden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Aber Chatwin war ein widerspr\u00fcchlicher, ambivalenter Mensch. Er war homosexuell, aber verheiratet, er hatte zwar den Reiz des \u201eWanderlebens der Nomaden\u201c kennengelernt und liebte die Einsamkeit und Klarheit der W\u00fcste, aber genoss es auch, in der Gesellschaft anderer Menschen im Mittelpunkt zu stehen. In Artikeln und B\u00fcchern pries er die Besitzlosigkeit der Nomaden, aber er blieb stets auch Sammler, mit einem Blick f\u00fcr sch\u00f6ne und teure Kunstwerke. Doch dabei faszinierten ihn nicht nur die Gegenst\u00e4nde, sondern auch die Geschichten, die sich dahinter verbargen \u2013 wie schon der Anfang von <em>In Patagonien<\/em> zeigt.<\/p>\n<p>Diese Ambivalenz, die eigene Unrast, die Wanderlust versuchte Chatwin zu einer allgemein g\u00fcltigen Theorie des Nomadentums, der inneren Rastlosigkeit, zu verbinden. Im Laufe seines Lebens schrieb Chatwin zahllose Entw\u00fcrfe zu einem Buch \u00fcber dieses Thema, fertig wurde es nie. Eine Sammlung seiner Aufs\u00e4tze, Ideen und Artikel \u00fcber das Nomadentum, den Wunsch der Menschen, sich auf Wanderschaft zu begeben, erschien jedoch 1997 posthum unter dem Titel <em>Anatomy of Restlessness<\/em>.<\/p>\n<p>Chatwins Ambivalenz und seine vielf\u00e4ltigen Interessen machen ihn als Schriftsteller so interessant. Nach <em>In Patagonien<\/em> ver\u00f6ffentlichte er noch vier weitere Romane, die zwar alle unterschiedliche Themen behandeln und auf drei Kontinenten spielen, aber durch die sich Themen wie Sesshaftigkeit, Besitz und das Loslassen von Besitz wie ein roter Faden ziehen: <em>The Viceroy of Ouidah<\/em> (1980), ein Roman \u00fcber den Sklavenhandel an der Westk\u00fcste von Afrika, <em>On the Black Hill<\/em> (1982), ein Roman \u00fcber Zwillinge, die ihr ganzes Leben in Schottland verbringen, <em>The Songlines<\/em> (1987), Chatwins wohl ber\u00fchmtestes Buch, das erz\u00e4hlt, wie die Ureinwohner Australiens, die Aborigines, Lieder dazu nutzen, um sich zu orientieren und die Geschichte ihres Landes zu erinnern, und schlie\u00dflich <em>Utz<\/em> (1988), eine Erz\u00e4hlung \u00fcber einen leidenschaftlichen Sammler von Porzellanfiguren, der in Prag in den Zeiten kommunistischer Herrschaft lebt.<\/p>\n<p>1989 erschien <em>What Am I Doing Here<\/em>, eine Sammlung mit brillanten Artikeln, Essays und Portr\u00e4ts, die Chatwin in Zeitschriften, Zeitungen und Magazinen ver\u00f6ffentlicht hatte.<\/p>\n<p>Chatwin war ein brillanter Erz\u00e4hler, im privaten Kreis und in seinen Romanen und Artikeln. Allerdings nahm er es mit den Fakten nicht immer so genau, wie es Historiker gerne haben. Oder, um noch einmal Traub zu zitieren: \u201e\u00dcberzeugt, da\u00df nichts phantastischer ist als die Wirklichkeit, schert sich [Chatwin] nicht um die Unterscheidung von Fakten und Fiktionen. Seinen Figuren ist er als K\u00fcnstler, nicht als Dokumentar verpflichtet.\u201c<\/p>\n<p>Chatwin starb am 18. Januar 1989 im Alter von 48 Jahren an AIDS. Auch seinen Tod machte er zur Legende: Er sprach nicht \u00fcber AIDS, sondern erz\u00e4hlte, er h\u00e4tte sich bei einer Reise in China eine geheimnisvolle und t\u00f6dliche Krankheit zugezogen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2860\" src=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/in-patagonien.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"459\" srcset=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/in-patagonien.jpg 300w, https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/in-patagonien-196x300.jpg 196w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><br \/>\nBruce Chatwin, <em>In Patagonien<\/em>. Das englische Original erschien 1977, hier sieht man das Cover der deutschen Taschenbuchausgabe von 1984.<\/p>\n<p><em><strong>Zur Orientierung&#8230;<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Dieser Artikel ist Teil eines Quiz&#8217; mit\/\u00fcber Romananf\u00e4nge. 24 Romananf\u00e4nge werden vorgestellt, wer will, kann versuchen, Titel und Autor\/Autorin des Romans zu erraten. Die Links f\u00fchren entweder direkt zum n\u00e4chsten Romananfang oder zu anderen Romananf\u00e4ngen.<\/p>\n<ul>\n<li>Weiter zu <a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/romananfang-19\/\">Romananfang 19<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/literaturquiz-romananfaenge-einleitung\/\">Literaturquiz Romananf\u00e4nge &#8211; Von Anfang an&#8230;<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/romananfang-1\/\">Romananfang 1<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/romananfang-2\/\">Romananfang 2<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/romananfang-3\/\">Romananfang 3<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/romananfang-4\/\">Romananfang 4<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/romananfang-5\/\">Romananfang 5<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/romananfang-6\/\">Romananfang 6<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/romananfang-7\/\">Romananfang 7<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/romananfang-8\/\">Romananfang 8<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/romananfang-9\/\">Romananfang 9<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/romananfang-10\">Romananfang 10<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/romananfang-11\/\">Romananfang 11<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/romananfang-12\/\">Romananfang 12<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/romananfang-13\/\">Romananfang 13<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/romananfang-14\">Romananfang 14<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/romananfang-15\">Romananfang 15<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/romananfang-16\/\">Romananfang 16<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/romananfang-17\/\">Romananfang 17<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/romananfang-18\/\">Romananfang 18<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/romananfang-19\/\">Romananfang 19<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/romananfang-20\/\">Romananfang 20<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/romananfang-21\/\">Romananfang 21<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/romananfang-22\/\">Romananfang 22<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/romananfang-23\/\">Romananfang 23<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/johannes-fischer.net\/blog\/romananfang-24\/\">Romananfang 24<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class='sfsi_Sicons' style='width: 100%; 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