Charmanter Schamanismus: Colin Cotterills „Der fröhliche Frauenhasser: Dr. Siri ermittelt“

dr siriLaos? Ist ein Land, über das ich bis vor kurzem wenig wusste. Eigentlich nur, dass es in Asien in der Nähe von Vietnam, Kambodscha und Thailand liegt. Mit Glück hätte ich Laos vielleicht sogar auf der Weltkarte entdeckt, doch dank Colin Cotterill und Dr. Siri Paiboun weiß ich jetzt mehr. Cotterill stammt aus England, hat einige Zeit in Laos verbracht, lebt mittlerweile jedoch in Thailand und ist Schöpfer von Dr. Siri, einem der charmantesten und originellsten Ermittler der Kriminalliteratur.

Geboren wird Dr. Siri nach eigener Aussage 1904 „Plus/minus ein Jahr – das nahm man seinerzeit nicht so genau.“ Er wächst in einem buddhistischen Tempel auf, geht 1921 nach Paris, um Medizin zu studieren, wird Arzt und kehrt 1939 nach Laos zurück. Von 1940 bis 1975 kämpft er auf Seiten der Kommunisten für die Unabhängigkeit Vietnams und Laos und hat, wie er sagt, „Spiel, Spaß und Spannung im Dschungel von Vietnam“. Er flickt „kaputte Soldaten wieder zusammen“ und versucht „dem Bombenhagel zu entgehen“.

1975 kehrt Dr. Siri nach Vientiane, in die Hauptstadt von Laos, zurück und wird 1976 „von der Partei zwangsrekrutiert und zum amtlichen Leichenbeschauer ernannt.“ Dr. Siri versteht wenig bis gar nichts vom Beruf des Leichenbeschauers, aber macht das Beste aus dieser ungewollten Aufgabe. Gibt ihm sie doch die Möglichkeit, in die Fußstapfen des von ihm bewunderten Kommissar Maigrets zu treten, den er in Frankreich kennengelernt hat.

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Georges Simenon, Autor der Maigret-Romane. (Foto: Erling Mandelmann, Wikipedia-Eintrag über Maigret)

Seinen ersten Fall löste Dr. Siri in dem Buch The Coroner’s Lunch, das 2004 auf Englisch erschien und 2008 unter dem Titel Dr. Siri und seine Toten ins Deutsche übersetzt wurde. Mittlerweile hat Colin Cotterill neun Bücher über Dr. Siri geschrieben, im Juni 2013 erschien der sechste Band unter dem Titel Der fröhliche Frauenhasser in deutscher Übersetzung.

Wie jeder gute Detektiv hat Dr. Siri natürlich Helfer. Da gibt es einmal die junge, gescheite Schwester Dtui, Dr. Siris Assistentin in der Pathologie. Sie träumte in Dr. Siri und seine Toten noch von einem Studium in der Sowjetunion, doch bei der Arbeit an einem späteren Fall verliebte sie sich in Polizeikommissar Phosy, heiratete ihn und blieb in Laos. Ein weiterer Helfer Siris in der Pathologie ist Assistent Deng. Er leidet unter Down-Syndrom, ist äußerst zuverlässig und versteht vom Handwerk des Leichenbeschauers deutlich mehr als Dr. Siri. Und dann gibt es noch Civilai, hochrangiges Parteimitglied, alter Freund und Trinkgefährte Siris sowie Madame Daeng, die beste Nudelverkäuferin Vientianes und spätere Ehefrau des Doktors.

Vom Alter her erinnert Dr. Siri an Miss Marple und als Leichenbeschauer ähnelt er Patricia Cornwells Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta oder Simon Becketts Forensiker David Hunter, aber dazu verfügt Siri noch über ein ungewöhnliches Talent. Ein Talent, von dem er lange nichts wusste, das er eigentlich nicht haben will und das ihn immer wieder in tödliche Gefahr bringt: Dr. Siri hat Visionen, ihm erscheinen die Geister der Toten, er ist Schamane. Zum Glück verzichtet Cotterill auf eine Erklärung oder Verteidigung übersinnlicher Phänomene oder des Glaubens daran – Dr. Siri sieht Gespenster, ganz einfach.

Diese übersinnlichen Fähigkeiten helfen Dr. Siri auch in Der fröhliche Frauenhasser. Gleich zwei Rätsel muss er dieses Mal lösen. So kommen Siri und sein Team bei der Untersuchung der Leiche einer jungen Frau einem Serienmörder auf die Spur, der unerfahrene Bauernmädchen betört, um sie zu heiraten und anschließend umzubringen. Diesem Mörder verdankt das Buch auch seinen Titel Der fröhliche Frauenhasser (The Merry Misogynist im Original). Wie eine Bemerkung auf seiner Webseite verrät, wählte Cotterill den provokanten Titel mit Bedacht: „I hope they let me keep that one“, sinngemäß übersetzt „Ich hoffe, man lässt mir diesen Titel durchgehen.“

Parallel dazu sucht Dr. Siri nach Rajid, einem harmlosen, geistig verwirrten Obdachlosen, um den sich Siri und Civilai gelegentlich kümmern, der jedoch plötzlich verschwunden ist. Diese beiden Fälle geben Cotterill, der einige Zeit in Laos gelebt hat, Gelegenheit, das Leben im kommunistischen Laos nach Ende des Vietnamkriegs zu beschreiben: die ausufernde Bürokratie und ihre Schikanen, die Misswirtschaft, die wirtschaftliche und technische Rückständigkeit des Landes und die Armut der Bauern, die dazu führt, dass viele Mädchen aus armen Familien vom Lande auf der Suche nach einer „guten Partie“ schnell verheiratet werden.

Das ist spannend und von Cotterill mit feiner Ironie routiniert und witzig erzählt, aber ihren ganz eigenen Reiz bekommt die Reihe um die Dr. Siri doch durch das Zusammenspiel der originellen Charaktere und durch die unbedingte Menschlichkeit Dr. Siris. Trotz Altersgebrechen, Widrigkeiten, Schwierigkeiten, geplatzter Träume, Schikanen und Ungerechtigkeiten bleibt er tolerant, tüchtig, unbestechlich, freundlich und tut unbeirrt das, was ihm richtig und menschlich zu sein scheint. Zugleich genießt er das Leben, isst und trinkt gerne – oft auch zu viel.

Wer bereits das Vergnügen hatte, die Bekanntschaft Dr. Siris zu machen, kann sich auf ein Wiedersehen mit dem Doktor und seinen Freunden freuen, wer diesen ungewöhnlichen Detektiv aus Laos noch nicht kennt und nichts gegen einen gut erzählten, spannenden und unterhaltsamen Krimi hat, der Menschen und politische Systeme nicht immer gleich in den düstersten Farben zeichnet, sollte den Versuch machen, den charmanten Doktor und seine Helfer kennenzulernen und bei Arbeit zu beobachten. Und nebenher ein wenig über Laos zu erfahren – und die Probleme, die man hat, wenn man Schamane ist.

Bisher erschienene englische und deutsche Titel in der Reihe um Dr. Siri:

The Coroner’s Lunch, 2004
Dr. Siri und seine Toten. Deutsch von Thomas Mohr. Manhattan, München 2008.

Thirty-Three Teeth, 2005
Dr. Siri sieht Gespenster. Deutsch von Thomas Mohr. Manhattan, München 2009.

Disco for the Departed, 2006
Totentanz für Dr. Siri. Deutsch von Thomas Mohr. Manhattan, München 2010.

Anarchy and Old Dogs, 2007
Briefe an einen Blinden – Dr. Siri ermittelt. Deutsch von Thomas Mohr. Manhattan, München 2011.

Curse of the Pogo Stick, 2008
Der Tote im Eisfach – Dr. Siri ermittelt. Deutsch von Thomas Mohr. Manhattan, München 2012.

The Merry Misogynst, 2009
Der fröhliche Frauenhasser – Dr. Siri ermittelt. Deutsch von Thomas Mohr. Manhattan, München 2013.

Love Songs from a Shallow Grave, 2010.
Noch nicht ins Deutsche übersetzt.

Slash and Burn, 2011.
Noch nicht ins Deutsche übersetzt.

The Woman Who Wouldn’t Die, 2013.
Noch nicht ins Deutsche übersetzt.

colin cotterill buch
Der fröhliche Frauenhasser: Dr. Siri ermittelt
Originaltitel: The Merry Misogynist
Originalverlag: Soho Press
Aus dem Englischen von Thomas Mohr
Deutsche Erstausgabe
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 320 Seiten, 12,5 x 20,0 cm
ISBN: 978-3-442-54682-4
17,99 Euro
Verlag: Manhattan

Weiterführende Links

“Humorvoll, unterhaltsam, erfolgreich: Colin Cotterill”
Ein von mir geschriebenes Porträt über Colin Cotterill

Video-Interview mit Colin Cotterill über seine Bücher

Webseite von Colin Cotterill

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