Radfahren literarisch: Elmar Schenkels „Cyclomanie“

cover_cyclomanieAm Sonntag, den 24. Juli 2016, gewann der in Nairobi, Kenia, geborene Brite Chistopher Froome die 103. Tour de France. Nach 2013 und 2015 war es sein dritter Sieg. Aber Nachrichten von der Tour sind nicht mehr so aufregend wie früher. Seit sicher ist, dass Lance Armstrong, Jan Ullrich & Co. nur so schnell und ausdauernd über Frankreichs Berge gekommen sind, weil sie gedopt waren, hat die Frankreichrundfahrt viel von ihrem Nimbus eingebüßt. Allerdings haben Skandale, Betrug und Doping die Tour de France von Anfang an begleitet.

Die allererste Tour de France begann am 1. Juli 1903, 60 Fahrer waren dabei, in sechs Etappen waren unglaubliche 2428 Kilometer zu bewältigen, im Schnitt also etwas über 400 Kilometer pro Etappe. 2016 starteten 198 Fahrer, um 3519 Kilometer in 21 Etappen zurückzulegen, im Schnitt also nicht ganz 168 Kilometer pro Etappe. Die Idee, ein Etappenrennen durch Frankreich zu organisieren, hatte der französische Journalist Géo Lefèvre, der sich dadurch mehr Aufmerksamkeit und Auflage für seine Zeitschrift L’Auto-Vélo versprach.

Schon bei der ersten Tour ging es also nicht nur um Sport und Leistung, sondern vor allem um mediale Aufmerksamkeit und Geld. Doping und Betrug waren auch sofort im Spiel:

„Von Anfang an versuchten alle Radler sich mit welchen Mitteln auch immer in die beste Form zu bringen. Man ließ Kokainflocken oder äthergesättigte Zuckerwürfel auf der Zunge zergehen oder rieb sich mit Kokain in Kakaobutter ein. … Und warum nicht ein bißchen experimentieren mit Fingerhut und Strychnin? Oder die Luftwege verbessern mit Nitroglycerin? Vom legendären Tour-Sieger 1949 Fausto Coppi war zu hören, wie er sich mit dem chemischen Mephisto verstand. Als man ihn fragte, ob er denn leistungssteigernde Mittel nähme, antwortete er: Wenn es sein muß. Und wann muß es sein? Fast immer. … Der Sieger in den ersten Jahren, Garin, wurde überführt: er habe sich an Autos gehängt, Abkürzungen gesucht, sei lange Strecken schlicht mit der Eisenbahn gefahren. … Die Fahrer ließen … nichts anbrennen: Man streute Juckpulver ins Hemd des Rivalen, mischte etwas ins Getränk, verdrehte Straßenschilder oder machte sich nachts an den Rädern des anderen zu schaffen. 1911 wurde der führende Duboc von einem Unbekannten vergiftet.“

Mit diesen wenig erbaulichen Fakten schildert Elmar Schenkel in Cyclomanie (S. 89-91) die Schattenseiten des größten Radrennens der Welt, das zugleich eines der größten Sportereignisse der Welt ist.

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Logo der Tour de France (Foto: Wikipedia)

Doch solche düsteren Geschichten sind in Cyclomanie selten. Vor allem plaudert und erzählt Schenkel in dem Buch anregend, amüsant und mit gelegentlichen kulturphilosophischen Höhenflügen über das Fahrrad und dessen Verhältnis zur Literatur. Wie viel essayistisches Schreiben und Denken mit dem Fahrradfahren gemeinsam haben, erklärt Schenkel im Vorwort, passend zum Thema mit „Vorderlicht“ überschrieben:

„Es ist einmal beobachtet worden, daß die Bewegung des Essays der Bewegung des Wanderns ähnlich sei. Eine gewisse Ungleichmäßigkeit, die ständigen kleinen Abschweifungen, die Lust am Zögern und Zaudern, am Verweilen und Plaudern – all das sind Kennzeichen des Wanderns oder besser noch Spazierengehens wie auch der essayistischen Schreibweise. Wie ist es nun mit dem Rad? Ich denke, auch das Radeln, sofern es nicht Rasen heißt, gehört in das Bewegungsfeld des Essays. … Es steht – wie der hybride Essay – zwischen Ansätzen zur Hochgeschwindigkeit auf der einen Seite und dem Trödeln auf der anderen.“ (S. 7)

Das „Vorderlicht“ erhellt auch Schenkels Interesse an seinem Gegenstand und verrät zugleich, was das Fahrrad ganz besonders macht:

„Warum aber über das Fahrrad schreiben? … Das Fahrrad ist eine der genialsten Erfindungen auf diesem Planeten. Es wurde in den Zeiten der ersten Industrialisierung entwickelt und hat doch etwas sehr Einfaches und Nicht-Maschinelles zur Grundlage. Es ist primitiv, verglichen mit all der Apparatur, die Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts die Erde und Menschen zu verändern begann. In einer Zeit nach der elektronischen Sintflut mutet es vorsintflutlich an, es ist eine gleitende Paradoxie. Aber es übertrumpft alle komplizierte Maschinerie in einem wichtigen, eines Tages vielleicht überlebenswichtigen Punkt: Es hat die beste Ratio von Energieverbrauch. Gebe ich einem Radfahrer ein Pfund Speck, so kommt er mit den Kalorien entscheidend weiter als alle anderen Fahrzeuge und Tiere dieser Erde. In dieser energetischen Verfolgungsjagd führt er das Feld an, gefolgt von Lachs, Pferd und Jumbo-Jet. … Daher sind wir geradezu verpflichtet, uns das Fahrrad genauer anzuschauen. … Ich möchte mich in dieser kleinen Darstellung nur mit der Literatur beschäftigen, insoweit diese eine verbale Schneise in die Untergründe unserer Bewegungswelten darstellt. Mich interessiert, wie und was über Fahrräder geschrieben wurde, in Romanen, Gedichten, Essays, Reiseberichten und philosophischen Traktaten.“ (S. 8-11)

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Ein Gerät mit guter Energiebilanz: das Fahrrad (Foto: Pixabay)

In diesem Sinne und mit dieser Haltung macht sich Schenkel auf die Reise und schreibt unter Stichworten wie „Italiener“, „Laufrad“ „Brille und Zweirad“, „Das irische Fahrrad“, „Aliens“, „Befreiung“, „Die Frau im Sattel“, „Eine deutsche Philosophie des Fahrrads“, „Gemächlich“, „Jugendstil“, „Einsame Radler“ oder „Sternzeichen“ über die Geschichte und allmähliche technische Entwicklung des Fahrrads, über Rekorde, die ersten Weltumrundungen mit dem Fahrrad oder wie Mediziner Frauen vor den schädlichen Wirkungen des Fahrradfahrens gewarnt haben.

Außerdem erfährt man etwas über die leidenschaftlichen Fahrradfahrer unter den Autoren, Leute wie Henry Miller, Arthur Schnitzler, Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Bertrand Russell, George Bernard Shaw oder den „Pataphysiker Alfred Jarry … ein besessener und exzentrischer Radfahrer. Statt einer Klingel führte er einen Revolver bei sich, mit dem er sich Platz verschaffte. Auf Fotos ist er meist zu Rad dargestellt. Auch zur Beerdigung des Dichters Mallarmé kam er mit dem Fahrrad. [Aber] sein Clément Luxe 96 Course sur piste hat er nie bezahlt. Noch zehn Jahre nach dem Kauf forderte der Händler Jules Trochon die Bezahlung von 525 Francs.“ (S. 99-100)

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Alfred Jarry mit Fahrrad (Foto: Wikipedia)

Die Tour de France mag an Popularität und Werbewert eingebüßt haben, aber Radfahren ist beliebter denn je. Elmar Schenkels Cyclomania ist eine Einladung an alle, die das Rad oder das Radfahren interessiert, sich vor, während oder nach einer kürzeren oder längeren Tour mit dem kulturellen Phänomen des Radfahrens zu beschäftigen. Um neue Etappenziele in der Literatur zu entdecken, sich amüsant zu unterhalten und Interessantes über Fahrrad, Literatur und Kultur zu erfahren.

Elmar Schenkel: Cyclomanie: Das Fahrrad und die Literatur
Ediert von Klaus Isele
Band 1 der Reihe Kritische Wälder
Ars Littera 2008

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Über den Autor macht der Klappentext des Buches folgende Angaben:

Elmar Schenkel, geb. bei Soest Westfalen lebt als Professor für Englische Literatur und Radler in Leipzig. Er hat zahlreiche Reisebücher, Biographien und Essays sowie zwei Romane veröffentlicht. Zuletzt erschien: Reisen in die ferne Nähe. Unterwegs in Mitteldeutschland. Er ist auch als Übersetzer und Maler tätig.

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