Die Gesamtdeutsche Meisterschaft in Leipzig 1953

deutsche einheit1953 gewann Wolfgang Unzicker die Deutsche Meisterschaft gleich zwei Mal. Möglich wurde dieses Kuriosum durch die Wechselfälle der deutschen Geschichte und die Entstehung zweier deutscher Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Bundesrepublik Deutschland wurde am 23. Mai 1949 gegründet, die Deutsche Demokratische Republik gut vier Monate später, am 7. Oktober 1949. Nun war das Verhältnis der beiden deutschen Staaten in den 41 Jahren gemeinsamer Geschichte bis zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 bekanntlich nicht immer spannungsfrei, aber zumindest beim Schach kam man anfangs noch zueinander. So gab es von 1947 bis 1953 sechs Gesamtdeutsche Meisterschaften, die erste fand 1947 in Weidenau statt und wurde von Georg Kieninger gewonnen, die letzte wurde vor genau 60 Jahren in Leipzig gespielt. Dort gewann Unzicker, zusammen mit einem heute fast vergessenen Spieler.

Ursprünglich gingen 30 Spieler aus Ost und West an den Start, gespielt wurden 13 Runden nach Schweizer System. Später kam noch ein zusätzlicher Spieler hinzu, denn Rolf Schlieder war zwar die ersten acht Runden dabei und holte dabei 3 Punkte, aber dann zog er sich vom Turnier zurück. Als Ersatzmann sprang Wolfgang Stelzner ein, der aus den letzten fünf Runden einen Punkt holte.

Den besten Start ins Turnier erwischte Wolfgang Unzicker, der im Sommer 1953 in Berlin Meister der Bundesrepublik Deutschland geworden war. Unzicker begann das Turnier mit 4 aus 4 und traf dabei in Runde vier das erste Mal auf seinen späteren großen Rivalen Wolfgang Uhlmann. Unzicker gewann eine kuriose Kurzpartie, in der Uhlmann mehr als einen Blackout hatte.

Nach diesem unerwartet leichten Sieg kam bei Unzicker allerdings ein wenig Sand ins Getriebe und er verlor in Runde 5 mit Weiß gegen Walter Niephaus. Doch Unzicker fing sich wieder. Nach sieben Runden hatte er 5,5 Punkte und am Ende kam er auf 9 aus 13. Das reichte zum geteilten ersten Platz, aber nicht zum Meistertitel.

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Wolfgang Unzicker (Quelle: Deutsche Fotothek, Wikipedia)

Denn Ludwig Schmitt hatte ebenfalls 9 Punkte aus 13 Partien geholt und bei Punktgleichheit musste ein Stichkampf über den Titel entscheiden.

Schmitts Turnier verlief ganz anders als das von Unzicker. Nach sieben Runden lag Schmitt mit 3 Punkten sogar unter der 50-Prozentmarke, doch dann drehte er auf und gewann die letzten sechs Runden.

Unzicker ist eine Legende des deutschen Schachs, doch wer ist oder war Ludwig Schmitt? Wie Henryk Konaszczuk in einem am 15. Juni 2009 bei ChessBase erschienenen Artikel über „Ein vergessenes Turnier: Bad Salzbrunn 1933“ schreibt, ist „Ludwig Schmitt eine spärlich dokumentierte Figur unter den historischen Schachspielern“. Zum Glück liefert Konaszczuk dann gleich einige grundlegende biographische Angaben:

„[Ludwig Schmitt] kam 1902 in Augsburg zur Welt. 1923 und 1928 gewann er die Bayerische Meisterschaft, 1924 nahm er am Hauptturnier in Meran teil. Er wohnte in den 1930er Jahren in Breslau, wo er zu einem regelmäßigen Teilnehmer an schlesischen und sächsischen Turnieren wurde. Er spielte in Wien 1926, Magdeburg 1927, Brünn 1931, Bad Aachen 1934, Bad Oeynhausen 1937 und 1938, Augsburg 1946, wo er nach Ende des Zweiten Weltkriegs wieder ansässig wurde und in der Stadtverwaltung arbeitete. Seinen größten Erfolg feierte Schmitt 1953: In diesem Jahr gewann er zunächst erneut die Bayerische Meisterschaft und anschließend die bis zur Wiedervereinigung letztmals ausgerichteten Gesamtdeutschen Meisterschaften in Leipzig gemeinsam mit Wolfgang Unzicker. Schmitt unterlag Unzicker im anschließenden Stichkampf 1954 mit 0,5:3,5. 1956 wurde er nochmals Meister von Bayern. Er nahm für die Bundesrepublik an einigen Mannschaftsländerkämpfen teil, allerdings spielte er nicht in der Olympiamannschaft.“

Schaut man sich Partien Schmitts von der Gesamtdeutschen Meisterschaft an, drängt sich der Eindruck einer gewissen Neigung zum Kaffeehausschach auf. In 13 Runden spielte er kein einziges Remis – neun Partien gewann Schmitt, vier verlor er. Generell scheint Schmitt kein großer Freund von Theorievarianten gewesen zu sein, sondern hat lieber ungebräuchliche, aber solide Eröffnungssysteme mit etlichem Angriffspotential gespielt. Dafür verfügte er über ein gutes Gespür für taktische Möglichkeiten, wie zum Beispiel seine Partie gegen Erich Kuebart aus der ersten Runde zeigt.

Weniger stark war Schmitt, wenn es darum ging, die taktischen Möglichkeiten des Gegners zu erkennen. Den Stichkampf gegen Unzicker um den Meistertitel, der 1954 gespielt wurde, verlor Schmitt wie oben von Konaszczuk erwähnt dann auch chancenlos mit 0,5:3,5. Die drei Verlustpartien verliefen dabei ähnlich. Schmitt erreichte nichts in der Eröffnung, wurde positionell überspielt und in den anschließenden Verwicklungen zeigte sich, dass Unzicker genauer und präziser rechnen konnte. Auch in klarer Verluststellung gibt Schmitt dann nicht auf, sondern sucht bis zum Schluss nach taktischen Rettungsmöglichkeiten.

Mit diesem Sieg im Stichkampf wurde Wolfgang Unzicker nach 1948 und 1950 zum dritten und letzten Mal gesamtdeutscher Meister.

Mehr über Wolfgang Unzicker erfährt man in der KARL-Ausgabe 02/2007, die der deutschen Schachlegende einen Schwerpunkt widmet.

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(Das Foto zu Beginn des Textes zeigt übrigens die erste gesamtdeutsche Briefmarke zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 (Quelle: Wikipedia)).

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